„Tiefer Fall“

„Hallo? Kann mich jemand hören?“

Sie wartete eine schier endlose Zeit, ihr Blick war auf das Display des Funkgeräts gerichtet, hoffnungsvoll, dass es jeden Moment aufleuchten oder der Lautsprecher zumindest ein Rauschen von sich geben würde, was eine Antwort bedeutete.

Die Minuten zogen sich dahin wie alter Kaugummi und ließen ihre Hoffnung stetig bröckeln.

„Versuch es nochmal“, ermutigte Flynn sie und nickte in Richtung des Gerätes in ihrer Hand.

Zarah begriff nicht, woher seine Zuversicht kam, doch sie tat ihm den Gefallen, wenngleich ihre Stimme weniger euphorisch klang.

„Hallo? Ist da irgendjemand?“

Sie ließ die Hand mit dem Gerät darin sinken und starrte auf den felsigen Boden unter ihren Füßen.

Der wievielte Versuch war das gewesen? Nach dem zehnten hatte sie aufgehört zu zählen. Sie hatten es in regelmäßigen Abständen wieder und wieder versucht. Dabei war sich Zarah nicht einmal sicher, ob das Gerät überhaupt richtig funktionierte. Am Ende verschwendeten sie ihre Zeit nur in sinnlosen Versuchen, mit irgendjemandem Kontakt aufzunehmen.

„Wir sollten aufbrechen“, erklärte sie und richtete sich auf.

„Du weißt, welcher Gefahr wir uns damit aussetzen?“ Eigentlich war es keine Frage, die Mark aussprach, aber Zarah vermutete, dass er hoffte, wenn er es als solche formulierte, er dadurch eher an ihren Verstand appellieren konnte.

„Wir haben abgestimmt, Mark“, stieß sie seufzend hervor. Sie war der endlosen Diskussionen in ihrer Gruppe müde, die sie bislang doch nicht vorwärts gebracht hatten.

Ohne ihn anzusehen griff sie nach ihrem Bündel, das sie notdürftig zusammengeschnürt hatte: Eine Jacke, die sie in der Nacht wärmen konnte, ihr Handy, das hier draußen völlig nutzlos erschien, zwei Wasserflaschen und ein wenig Proviant, zusammengestellt aus eingeschweißten Kekspackungen, einem Apfel und zwei Fruchtriegeln.

Was ihre Verpflegung betraf, trugen sie alle das gleiche bei sich, sie hatten ihren Fund fair geteilt. Die Frage war nur: Wie weit würden sie damit kommen?

„Kommt schon!“, rief sie den anderen über die Schulter zu und machte sich auf den Weg über den steilen Abhang hinunter, der mit Geröll und Trümmern übersät war.

Flynn war ihr am dichtesten auf den Fersen, wenn auch er schon bald einen gebührenden Abstand zwischen ihnen hielt, da sie durch die losen Steine immer wieder ins Straucheln gerieten. Mark folgte etwas weiter dahinter und den Schluss bildete Benjo, der seine Hände tief in den Jackentaschen vergraben hatte.

Ihre Gruppe machte keinen sonderlichen hoffnungserregenden Eindruck, ihre Kleidung zerrissen und Hände und Gesicht mit Staub und Blut verschmiert. Ihre linke Schulter schmerzte und sie hatte Mühe, den Arm zu bewegen. Flynn hatte die Vermutung angestellt, dass sie sich möglicherweise beim Aufprall die Schulter ausgekugelt hatte, aber sie wollte keinen der anderen Hand an sie legen lassen. Lieber nahm sie den Schmerz noch eine Weile hin, ehe ihr jemand noch den Arm brach, weil er nicht genau wusste, was er da tat.

Benjo trug eine Verletzung am Kopf, die sie notdürftig gesäubert und verbunden hatten. Mit Sicherheit hatte er auch eine Gehirnerschütterung davongetragen, aber Zahra wusste nicht, was sie in einem solchen Fall mit ihm hätten machen sollen. Ruhig stellen und die Beine hochlegen? Einen Arzt rufen oder gar ins Krankenhaus fahren? Bei dem Gedanken drohte ein hysterisches Kichern über ihre Lippen zu kommen und hastig biss sie die Zähne fest aufeinander.

Sie durften nicht aufgeben und sich nicht entmutigen lassen. Irgendwie würden sie es schon schaffen, immerhin hatten sie es auch bis hierher geschafft, weiter als alle anderen. Und zumindest Mark und Flynn waren bis auf einige Kratzer und kleinere Blessuren gut davon gekommen.

„Du bist zu schnell!“

Flynns Stimme riss sie aus den Gedanken und sie wand sich fragend zu ihm um. Tatsächlich bemerkte sie, dass Benjos Abstand zu ihnen größer geworden war und er bei jedem Schritt leicht wankte.

„Wir müssen langsamer gehen“, erklärte Flynn noch einmal, nachdem er zu ihr aufgeschlossen hatte.

„Wir sollten zumindest die Bergausläufer hinter uns gebracht haben, ehe die Dunkelheit einsetzt. Dann brauchen wir nicht weitergehen, wenn wir uns nicht gleich in den Tod stürzen wollen“, erwiderte sie und blickte Mark entgegen, der allmählich zu ihnen aufschloss.

Kaum stand er bei ihnen und wandte den Kopf in Benjos Richtung, da schüttelte er leicht den Kopf. „Er wird es nicht schaffen.“

„Halt den Mund!“, zischte Flynn und verpasste dem anderen einen Hieb gegen den Oberarm.

„Bitte, nicht streiten“, stieß Zarah erschöpft hervor.

Insgeheim musste sie Mark allerdings recht geben. Benjos Zustand hatte ihr von Anfang an Sorgen bereitet. Er brauchte medizinische Hilfe und keiner von ihnen kannte sich auf dem Gebiet aus.

„Probiere es nochmal“, forderte Flynn sie auf und wies auf das Funkgerät in ihrer Hand.

Zarah blickte ihn wortlos an und schüttelte langsam den Kopf. „Das macht keinen Sinn. Wir haben es schon so oft versucht.“

Flynn sah aus, als wollte er protestieren, doch Mark warf ihm einen düsteren Blick zu und so schwieg Flynn stattdessen.

Sie warteten, bis Benjo sie eingeholt hatte und Zarah erkannte deutlich, wie schwer er sich beim Abstieg tat. Als er nahe genug bei ihnen war, fiel ihr auf, dass seine Stirn vor Schweiß glänzte, seine Atmung ging flach und keuchend.

„Vielleicht sollten wir eine Pause einlegen“, schlug Zarah vor und half Benjo sich auf dem Geröll zu setzen. Immerhin hatten sie an einer weniger steilen Stelle Halt gemacht.

Nicht, dass sie besonders erfreut über die Verzögerung war. Doch es war deutlich zu erkennen, dass Benjo, wenn sie ihn weitertrieben, ihnen schon bald unter der Anstrengung zusammenbrechen würde.

„Es ist noch weit bis ins Tal hinab.“ Mark sah keinen von ihnen direkt an, doch sie wusste auch so, worauf er anspielte. Sie konnten schlecht hier oben die Nacht verbringen. Wenn erst einmal die Dunkelheit hereinbrach, würde auch die Kälte von den Bergen herabziehen. Ohne einen geeigneten Unterschlupf würden sie die Nacht keinen Schlaf finden und Mühe haben, sich halbwegs warm zu halten.

„Wir hätten oben bleiben sollen!“, stieß Flynn aus. Er rieb sich mit den Händen über das Gesicht und fuhr sich durch seine schwarzen, halblangen Haare.

„Um was zu tun?“ Mark schüttelte genervt den Kopf. „Da oben ist nichts!“

„Aber dort hätte man uns noch am ehesten gefunden! Und vielleicht hätte es dort oben auch ein besseres Signal gegeben. Jeder weiß, dass oben auf dem Berg besserer Empfang ist, als …“

„Damit sind Anhöhen gemeint!“, fuhr Mark unwirsch auf. „Keine Berge, um die es weit und breit nichts gibt!“

Die beiden funkelten einander aufgebracht an, doch Zahra wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Benjo zu. Er hatte die letzten Stunden kaum etwas gesagt und schien auch immer abwesender zu wirken. Wenn sie nicht schnell Hilfe bekamen, würde für ihn alles zu spät sein. Und trotzdem, Mark hatte recht: Sie konnten hier nicht bleiben.

„Helft ihm auf“, sprach sie zu Flynn und Mark.

Die beiden blickten sie verwirrt an.

„Was hast du vor?“, fragte Mark mit gerunzelter Stirn.

„Wir müssen hier weg. Und Benjo braucht eure Hilfe. Wir sind eine Gruppe, also müssen wir zusammenhalten.“

„Lasst mich zurück.“ Benjos Stimme war kaum mehr als ein murmeln und sie hatte Mühe ihn zu verstehen.

Vehement schüttelte Zarah den Kopf. „Wir lassen niemanden zurück“, erwiderte sie sanft. Dann, an die anderen beiden gewandt, verhärtete sich ihr Tonfall. „Worauf wartet ihr? Ich trage eure Bündel, ihr helft dafür ihm!“

Ehe die beiden Jungen protestieren konnten, schnappte sie sich deren Bündel und ergriff dann auch Benjos. Dann stapfte sie los.

Ein Murren ertönte hinter ihr, gefolgt von einem Ächzen. Zarah warf einen Blick über die Schulter und stellte zufrieden fest, dass ihr Befehlston offenbar Wirkung gezeigt hatte. Das sollte sie sich wohl für einen späteren Zeitpunkt merken – wenn sie wieder nach Hause kamen; wenn sie die Nacht überlebten und jemand sie fand; wenn sie nicht vorher verhungerten. Erschreckend viele „wenn’s“, wie sie feststellen musste und hastig schob sie die Gedanken hastig beiseite, ehe sich die Sorgen weiter ausbreiten konnten. Sie musste stark bleiben, wenn sie das hier überleben wollte.

Obwohl sie sich dagegen wehrte, musste sie wieder an das Flugzeug denken, dass sie nun immer weiter hinter sich ließen, ebenso wie all die leblosen Gestalten darin.

Sie hatten im Heck gesessen, Mark neben ihr, was allein schon eine Strafe gewesen war. Ihr Lehrer hatte Steve und sie Plätze tauschen lassen, damit er und Mark nicht ständig Unfug machten. Jetzt war Steve tot und sie lebte. Und Zarah wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Wäre sie auch am Leben, hätte der Lehrer sie nicht die Plätze tauschen lassen? Sie schwankte mit ihren Gefühlen zwischen Hilflosigkeit, Trauer und Schuldgefühlen. Sie hatte überlebt, die mehr als hundert anderen Passagiere nicht. Und ein weiterer Punkt, wegen dem sie sich Vorwürfe machte, waren ihre Gedanken: Warum hatte Mark überleben müssen und keiner der anderen? Warum musste Maja sterben, ihre beste Freundin, mit der sie während dem Flug noch darüber gewitzelt hatte, was es möglicherweise für süße Typen in der Austauschschule gab? Das alles erschien ihr jetzt belanglos und lächerlich und ihre Trauer über den Tod all der Menschen, unter denen auch viele Freunde gewesen waren, drohte sie zu überwältigen. Doch wann immer sie unter der Last zusammenzubrechen drohte, zwang sie sich zum Weitergehen. Sie hatte überlebt. Sie war es den anderen schuldig, weiterzukämpfen und nicht aufzugeben.

 „Wir können unmöglich weitergehen!“, ertönte hinter ihr Flynns Stimme, die erschöpft und beinahe verzweifelt klang.

Zarah wandte sich zu den drei Jungs um und blieb stehen. Sie musste nicht fragen warum, sie konnte es auch so sehen. Benjo hing mehr in den Armen der beiden, die ihn mit aller Mühe aufrecht hielten und hinter sich her schleiften. Sein Blick war abwesend und trüb und sie fragte sich, ob er überhaupt noch etwas mitbekam, oder womöglich längst weggetreten war.

Sie konnte auch nicht sagen, wie groß seine Schmerzen gewesen sein mochten, möglicherweise war es so besser für ihn. Aber nicht besser für sie.

„Denkt ihr, wir schaffen es noch die letzten hundert Meter bis zu den Bäumen dort unten?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Du kannst ihn gern tragen!“, ätzte Mark und blickte sie grimmig an.

Zarah stieß einen hilflosen Laut aus, doch es war Flynn, der das Wort an ihrer statt ergriff. „Sei nicht so eklig! Wenn du an seiner Stelle wärst, würdest du auch froh sein, wenn wir dich nicht zurücklassen. Also reiß dich zusammen und hilf mir!“

Die letzten Meter bis zu den ersten Ausläufern des Kiefernwaldes erschienen ihr wie die schlimmsten. Sie kamen so langsam voran, dass sie sich zwischendurch fragte, ob ihre Augen ihr ob der Distanz womöglich einen Streich spielten.

Doch schließlich schafften sie es. Flynn und Mark ließen Benjo mit dem Rücken gegen einen Baum zu Boden sinken und fielen dann selbst erschöpft auf den nur spärlich bewachsenen Boden. Zarah warf den Jungs ihre Bündel zu und setzte sich dann mit ihrem eigenen unter die ausladende Krone einer Kiefer.

Die Luft hatte mittlerweile deutlich abgekühlt. Sie schnürte das Bündel auseinander und zog die Jacke über, die ihr zwar viel zu groß, aber dennoch wärmend war. Sie fragte sich, wem sie wohl gehört haben mochte, verdrängte den Gedanken aber, dass sie womöglich die Kleidung eines Toten trug. Wer auch immer der Besitzer gewesen sein mochte, brauchte sie jetzt nicht mehr, im Gegensatz zu ihr.

„Wann glaubt ihr, werden sie nach uns suchen?“, warf Flynn in die Runde.

„Ich hoffe bald!“ Mark schraubte eine seiner Wasserflaschen auf und trank sie fast in einem einzigen großen Zug leer.

„Wir sollten sparsam damit umgehen“, erinnerte Zarah ihn, ohne ihm dabei in die Augen zu blicken. „Wir wissen nicht, wie lang wir noch unterwegs sein müssen.“

„Vielleicht finden wir eine Quelle. Oder womöglich gibt es hier in der Gegend sogar ein Dorf oder eine Stadt“, meinte Flynn hoffnungsvoll.

Zarah erwiderte nichts, sie wollte seine Illusion nicht zerstören. Hätte sie aber gar nicht gebraucht, dafür hatten sie schließlich Mark dabei.

„Wir sind hier mitten in den französischen Alpen. Was glaubst du denn, wo hier ein Dorf sein soll?“

Zarah warf Mark einen vernichten Blick zu, doch der schnaubte nur verächtlich.

Flynn und sie wechselten einen Blick, doch der Junge zuckte nur die Schultern und machte sich über sein eigenes Bündel her.

Der Hunger nagte schon seit einer Weile an ihr und so entschied sie sich, eine der Kekspackungen aufzumachen, zwang sich jedoch langsam und bewusst zu essen. Es konnte Tage dauern, bis tatsächlich Hilfe eintraf und sie wollte hier draußen nicht verhungern, nachdem sie den Absturz überlebt hatte.

„Was zum …“ Marks Stimme zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und sie bemerkte, wie der Junge Benjo zur Seite schob, der gegen ihn gesunken zu sein schien. „Ich bin echt nicht auf Kuschelmodus aus!“

„Warte Mal!“, stieß Zarah hervor, ein mulmiges Gefühl machte sich in ihr breit, als sie aufstand und vor Benjo in die Hocke ging.

Sein Kopf war auf die Brust herabgesunken und als sie ihn vorsichtig anhob, bemerkte sie seine geschlossenen Lieder. Sein Kopf sank erneut auf seine Brust herab, als sie ihn mit klopfendem Herzen losließ und stattdessen sein Handgelenk ergriff. Eine scheinbar halbe Ewigkeit suchte sie nach seinem Puls, doch vergeblich. Auch sein Atem war verstummt.

Mit großen Augen sah sie zu Flynn, der ihren Blick bestürzt erwiderte.

„Sollten wir … Ihr wisst schon …“ Hilflos schien Flynn nach den richtigen Worten zu suchen. „Ihr wart doch auch beim Erste-Hilfe-Kurs. Sollten wir nicht versuchen ihn zu reanimieren?“

Zarah schüttelte langsam den Kopf. „Eine Reanimation bringt nichts, wenn kein Rettungsarzt in absehbarer Zeit eintreffen kann. Wir können ihn schlecht die nächsten Stunden wiederbeleben.“

Flynn starrte sie noch einen weiteren Moment lang an, dann sprang er von seinem Platz auf und stürzte an ihr vorbei. Sie wollte ihm schon hinterherrufen, doch dann hörte sie sein Würgen und hielt sich zurück.

„Weichei“, schnaubte Mark neben ihr, rückte aber selbst ein Stück von Benjo ab und nahm sich schließlich dessen Bündel.

„Was soll das werden?“, fragte sie entrüstet.

„Er braucht es jetzt schließlich nicht mehr. Und wir sollten versuchen am Leben zu bleiben!“, erklärte Mark mit einer Selbstverständlichkeit.

„Du bist widerlich!“

„Ich bin pragmatisch. Und ich hänge an meinem Leben, vielen Dank auch!“

Zarah schnappte sich ihr Bündel und das von Flynn  und stapfte zu dem anderen Jungen, der vornübergebeugt an einem Baum hing und am ganzen Leib zitterte.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie vorsichtig.

Flynn versteifte sich, dann fuhr er sich mit einem Ärmel über seinen Mund und wandte sich langsam zu ihr um. „Es ist grausam. Erst überlebt er und dann muss er doch sterben, weil keine Hilfe für ihn da war. Wir werden alle sterben!“

„Nein, werden wir nicht“, erwiderte sie ernst und tätschelte ihm vorsichtig die Schulter.

Sie hatte vorher nie besonders viel mit Flynn zu tun gehabt. Meistens hing sie mit Maja zusammen und gelegentlich ein paar andere Mädchen. Wobei Zarah nicht der Typ für große Cliquen war. Trotzdem war ihr Flynn nicht unsympathisch. Er und Benjo waren gute Freunde gewesen. Kein Wunder, dass ihm der Tod des anderen so naheging.

„Wir schaffen das schon“, wiederholte sie zuversichtlich und bemühte sich um ein Lächeln. „Benjo würde auch wollen, dass wir weiterkämpfen. Wir sind es ihm und den anderen schuldig, jetzt nicht die Hoffnung aufzugeben.“

„Ich habe Angst vor ihm“, verkündete Flynn leise und nickte in Marks Richtung.

„Er ist ein Großmaul. Vergiss ihn“, winkte Zarah ab.

„Wenn wir tot sind, wird er sich auch unsere Vorräte holen“, brachte Flynn hervor. „Wenn er überhaupt so lange wartet!“

Insgeheim musste sie ihm beipflichten. Mark war kein sonderlich empathischer Mensch. Und er hätte Benjo ohne viel Federlesens zurückgelassen, wenn sie nicht darauf gedrängt hätte, dass sie eine Gruppe waren und zusammenhalten mussten.

„Die Sonne geht unter. Lass uns irgendwo eine geeignete Stelle suchen und uns für ein paar Stunden ausruhen. Morgen sieht vielleicht alles ganz anders aus”, schlug sie vor und drückte ihm noch ein weiteres Mal die Schulter.

Flynn nickte knapp, dann begaben sie sich gemeinsam auf die Suche nach einer Stelle, die halbwegs eben aussah. Sie sammelten einige Kiefernzweige zusammen, die sie über den spitzen Steinen ausbreiteten und erbauten sich so ein provisorisches Lager. Mark machte es sich nicht weit entfernt bequem, seinen eigenen Rucksack nutzte er als Kopfkissen und Benjos Rucksack lag neben ihn. Offenbar hatte er ihn schon für sich beansprucht. Vielleicht war es besser, wenn sie ihre eigenen Rucksäcke auch nahe bei sich behielten.

Die Sonne versank schon bald darauf im Westen hinter den hoch aufragenden Berggipfeln und mit der schwindenden Sonne nahm die Kälte zu. Zarah zog die Jacke über, die sie mitgenommen hatte und rollte sich dann eng auf ihrem provisorischen Lager zusammen. Flynn tat es ihr gleich und im Gegensatz zu ihr schien er schon bald darauf Schlaf zu finden, zumindest schloss sie durch seine gleichmäßigen, ruhigen Atemzüge darauf.

Eine Weile lang versuchte auch sie zur Ruhe zu kommen, doch selbst als die Dunkelheit sich einer Decke gleich über sie legte und nur noch die Sterne zwischen den Baumwipfeln zu erkennen waren, lag sie hellwach da, zitternd vor Kälte und ruhelos ob der Erinnerung und der furchtbaren Bilder von der Absturzstelle, die sich wohl auf ewig in ihr Gedächtnis gebrannt hatten. Ob sie jemals wieder Schlaf finden würde?

Um sich zumindest ein wenig abzulenken kramte sie das Funkgerät aus ihrem Rucksack hervor und unternahm noch einige halbherzige Versuche, einen Notruf abzusetzen, doch mehr um sich abzulenken, als dass sie wirklich groß Hoffnung gehegt hätte, tatsächlich Hilfe zu erreichen.

Irgendwann schlief sie doch ein, das Funkgerät hielt sie fest umklammert, als sei es das Einzige, was sie noch in dieser Welt hielt, ein Rettungsanker, ohne den sie verloren durch einen weiten Ozean aus Leere treiben würde.

Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, war es dämmrig. Klamme Kälte hatte sich über sie gelegt, die mit dem Nebel gekommen war, der über den Boden waberte.

Zarah legte das Funkgerät beiseite, das sie offenbar die ganze Nacht durch umklammert gehalten hatte und rieb die kalten Hände aneinander, ehe sie sie unter den Pullover steckte, um sie zu wärmen. Die Jungs schienen noch zu schlafen, zumindest lag Flynn noch genauso ruhig neben ihr wie am vorangegangenen Abend. Mark hingegen konnte sie durch den dichten Nebel nirgends erkennen, selbst die wenigen Meter bis zu seinem Schlafplatz verschwanden in der dichten, weißen Wand, die sie umgab.

Ihr Magen knurrte und ihre Kehle war trocken. Zarah war am Vortag besonders sparsam mit ihren Vorräten umgegangen, aber einen Schluck Wasser konnte sie zumindest zu sich nehmen. Sie musste sich nur zurückhalten, nicht gleich die Flasche in einem Zug zu leeren.

Sie tastete im Nebel nach dem Rucksack, den sie neben sich gelegt hatte, konnte ihn jedoch im ersten Moment nicht finden. Als sie den gesamten Boden um sich herum abgetastet hatte, wuchs eine leise Verzweiflung in ihr und ein beängstigender Gedanke keimte in ihrem Innern auf.

Mark würde doch nicht …

Sie sprang auf und begann nun suchend umherzulaufen, was in dem Nebel alles andere als leicht war. Sein Schlafplatz lag jedoch verlassen da, wie sie bereits befürchtet hatte. Einzig ein leerer Rucksack lag an der Stelle, wo er sich wenige Stunden zuvor niedergelegt hatte. Vermutlich Benjos, den er schon am Vorabend zu seinem Besitz erklärt hatte.

Panisch sprang sie abermals auf und versuchte ihren Weg zu ihrem eigenen Schlaflager zurückzufinden. Schließlich stolperte sie über etwas, das am Boden lag und stürzte der Länge nach hin. Sie unterdrückte einen Schmerzschrei, als sie auf ihre verletzte Schulter fiel und blinzelte die Tränen fort, die ihr in die Augen schossen.

Ein undefinierbarer Laut kam von der Gestalt, über die sie gefallen war, dann erhob sich eine verschlafene Stimme.

„Was ist los? Ist etwas passiert?”

Flynn. Zarahs Herz pochte wie wild und sie überlegte, ob sie Flynn beruhigen, oder ihm ihre Befürchtung mitteilen sollte. Sie entschied sich für letzteres.

Der Junge reagierte so, wie sie es erwartet hatte. Er stieß einen Schwall Flüche aus, dann war auch er auf den Beinen und blickte sich hektisch um.

„Meine Sachen sind auch weg!”, stieß  er kurz darauf hervor, seine Stimme drohte zu kippen.

„Okay, ganz ruhig”, versuchte Zarah ihn zu beruhigen. „Wir dürfen jetzt nicht den Kopf verlieren. Wo könnte Mark hingegangen sein? Er hat das Funkgerät zurückgelassen, also kann er keine Hilfe holen.”

Flynn heulte leise auf. „Ich weiß schon, warum er es nicht mit sich herumschleppen wollte. Das dämliche Funkgerät hilft uns auch nicht weiter. Wir werden hier draußen sterben!”

Zarah schüttelte den Kopf, darum bemüht, nicht die Fassung zu verlieren. „Vielleicht holen wir ihn ja noch ein. In dem Nebel kann er nicht so weit fortgelaufen sein.”

Sie rappelte sich auf und trat neben Flynn. An Schlaf war nun sowieso nicht mehr zu denken. Es war besser, sie beeilten sich.

„Und wenn wir ihn nicht einholen?”, fragte Flynn leise.

„Dann kehren wir zum Wrack des Flugzeuges zurück und warten dort auf Hilfe. Irgendwann wird schon jemand kommen.”

Zögerlich nickte Flynn, dann deutete er nach links.

„In der Richtung lag gestern eine Schneise, die weiter hinab durch den Wald geführt hat. Das sah noch am begehbarsten aus.”

Zarah nickte zustimmend, froh, dass Flynn sich wieder gefangen hatte. „Dann lass uns die Richtung einschlagen. Aber sei vorsichtig. Bei dem Nebel kann man leicht irgendwelche Stolperfallen übersehen und ich habe keine Lust, dass sich einer von uns jetzt noch den Fuß bricht.”

Sie machten sich schweigend auf den Weg, Flynn ging voraus und Zarah folgte ihm dicht auf den Fersen. Sie hatte das untrügliche Gefühl, dass der Nebel um sie herum immer dichter zu werden schien und sie hoffte inständig darauf, dass sie nicht im Kreis irrten und bald die Sonne die Nebelfetzen aufreißen lassen würde.

Ein gellender Schrei ließ sie beide alarmiert innehalten und sie wechselten einen bestürzten Blick. Flynn war so blass, wie der Nebel selbst und schien fast mit der Nebelwand zu verschwimmen.

„Was war das?”, brachte Zarah mühsam hervor.

„Mark”, keuchte Flynn und sprach damit ihre Befürchtung aus. „Das war ganz sicher er.”

Sie eilten weiter voran, nun weniger in dem Bestreben ihre Sachen zurückzubekommen sondern Mark rechtzeitig zu finden. Sein Schrei hatte verzweifelt geklungen.

„Mark? Kannst du uns hören?” Immer wieder riefen sie seinen Namen, in der Hoffnung, dass er sie hören und auf seine Spur führen würde. Doch von ihm kam keine Antwort. Hoffentlich war er nicht so töricht zu glauben, sie würden wegen der gestohlenen Rucksäcke auf ihn sauer sein. Wenn er sich dadurch noch mehr in Gefahr brachte wäre das wirklich dumm. Natürlich war sie nicht begeistert, dass er sie im Stich gelassen und ihre Vorräte geklaut hatte. Aber sie würde ihm trotzdem helfen.

„Mark! Melde dich!”

Ein einzelner, verirrter Sonnenstrahl brach sich durch den Nebel Bahn und beleuchtete den mit Gras bewachsenen Untergrund vor ihnen. Zarah ging darauf zu. Dann brach der Untergrund abrupt ab und eine steil abfallende Felswand führte in eine Schlucht zu ihren Füßen.

Im letzten Moment machte Zarah einen Satz zurück, ehe sie nach vorne und in die Tiefe stürzen konnte. Ihr Herz hämmerte wie wild. Sie packte Flynn, der gerade an ihr vorbeigehen wollte, am Arm und hielt ihn zurück.

„Nicht”, stieß sie hervor und deutete auf das Ende des Felsplateaus.

Jetzt schien auch Flynn zu erkennen, was sie meinte und er wandte sich betroffen zu ihr um. „Das war verdammt knapp!”, stellte er fest.

„Ja, stellt dir vor wir wären hinunterge…” Sie brach mitten im Satz ab, als ihr ein erschreckender Gedanke kam. Auf Knien kroch sie bis an den Rand des Plateaus vor und spähte hinab. Der Nebel schien sich tatsächlich nur auf ihrer Höhe zu halten und hier sogar bereits dünner zu werden. Immer mehr Sonnenstrahlen brachten den Nebel zum Leuchten und zerrissen ihn.

Und tief unter ihnen, gut dreißig Meter entfernt, erkannte sie eine Gestalt, um die drei grüne Punkte lagen. Mark und die Rucksäcke. Ein roter Fleck breitete sich unter seinem reglosen Körper aus und färbte den Fels darunter dunkel.

Zarah starrte auf Marks leblosen Körper hinab, der zwischen den zerklüfteten Felsen lag und versuchte so etwas wie bedauern zu empfinden. Aber sie konnte es nicht. Da war kein Platz mehr für Trauer in ihr, nicht nach allem, was in den letzten Stunden geschehen war.

Ein Rauschen ließen Flynn und sie gleichzeitig zusammenzucken und es dauerte einen Moment ehe sie begriff, dass das Geräusch vom Funkgerät stammte.

„Hallo? Hier spricht der Einsatzleiter des Bergungskommandos. Sie haben einen Notruf abgesetzt?“

Zarah starrte fassungslos zu Flynn, der ebenso überrascht schien, wie sie selbst. Dann nickte er hastig in Richtung des Funkgeräts, das an ihrem Gürtel befestigt war. Eilig löste sie sich aus ihrer Erstarrung nahm es zur Hand.

„Hallo?“, fragte sie und hielt dabei den Funkknopf gedrückt. „Wir haben den Flugzeugabsturz überlebt. Schicken Sie bitte Hilfe!“

 „Machen Sie sich keine Sorgen! Wir haben ein Rettungsteam auf den Weg geschickt“, ertönte es nach einem kurzen Knacken aus dem Gerät in ihrer Hand. „Bleiben sie wo sie sind. Wir können sie über das Funkgerät orten!“

Sie spürte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten und all die Anspannung der letzten Stunden über ihr hereinzubrechen drohte. Flynn legte ihr eine Hand auf die Schulter und nickte ihr ermutigend zu. Sie hatten es geschafft.

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