„Der Wahrheit so fern“

Mein Blick strich über die Anwesenden, registrierte die unterschiedlichen Gesichter, die verschiedenen Regungen. Mein Herz pochte ungewöhnlich schnell bei dem Gedanken daran, was ich im Begriff war zu tun. 

Vor mir stand meine gesamte Familie, der komplette Bekanntenkreis, sowie Freunde und Verwandte. 

Manche von ihnen würden mich nach diesem Tag hassen. Andere würden einen neuen Blick auf die Wahrheit bekommen. Einige danach vielleicht sogar Verständnis zeigen. Es interessierte mich eigentlich nicht. Ich hatte es aufgegeben mir Gedanken darüber zu machen, was andere von mir hielten. Es war nicht zielführend, sich ständig den Kopf über die Meinungen anderer zu zerbrechen. 

Ich nahm einen Schluck Wasser und merkte dabei, wie meine Hand leicht zitterte. Hastig stellte ich das Glas beiseite und holte tief Luft. Konzentrierte mich allein auf die Atmung. 

Was sollte schon schiefgehen? Ich hatte nichts zu verlieren, oder? 

Es war ein heißer Tag im Juli. Gemeinsam mit Stefan und Florian war ich im Auto auf dem Weg nach Frankfurt. Es war eine Party mit unserer ehemaligen Abschlussklasse geplant. Mittlerweile waren fast zwei Jahre vergangen, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Eigentlich nicht lange, aber in zwei Jahren konnte viel passieren. Es war viel passiert. 

Die meisten hatten vermutlich ein Auslandsjahr eingeschoben, einige sehr strebsame waren wiederum direkt nach dem Abitur an die Universität gegangen. Ich gehörte zur ersten Kategorie. Zumindest war das mein Plan gewesen. Wirklich motiviert war ich in meiner gesamten Schullaufbahn nicht gewesen. Weshalb sollte ich mich abkämpfen, um Bestnoten zu erhalten, wenn es doch auch ohne ging? Außerdem wäre es die Mühe nicht wert gewesen. War man besonders gut, hieß es doch nur, man hätte es beim Lernen leicht. Wer besonders schlecht war, galt als faul. Ich hatte den Mittelweg gewählt. Man fiel nicht auf und hatte seine Ruhe. Und die Anforderungen waren auch nicht zu hoch. 

Als wir in Frankfurt angelangten, begrüßten uns die überfüllten Straßen. Ich war es nicht mehr gewohnt, so viele Menschen um mich zu haben. Nach den zwei Jahren auf dem Land war es ein regelrechter Kulturschock. 

Ich hatte es mir nicht gerade ausgesucht. Eigentlich war mein Plan gewesen, ein Jahr nach Australien zu verschwinden und anschließend mit meinen Freunden an die Uni zu gehen. Dann starb jedoch mein älterer Bruder und meine Pläne änderten sich innerhalb einer einzigen Nacht. 

Ich war gezwungen an den Hof meines Vaters zu gehen, um ihm dort zu helfen. Etwas, das ich niemals wollte und mir auf lange Sicht auch nicht taugte. Anfangs steckte ich meine eigenen Wünsche zurück. Der Tod meines Bruders war für meine Eltern ein harter Schlag gewesen, noch dazu, weil er eigentlich später einmal den Hof übernehmen wollte. 

Ich würde das ganz sicher nicht tun. Mein Wunsch war es schon immer gewesen, Wirtschaftsrecht zu studieren. Als dann die Einladung zum Ehemaligentreffen kam, war das für mich der perfekte Startschuss, bei dem ich meinen Vater über meine Pläne unterrichtete. 

Er war wenig begeistert, schaffte es jedoch nicht, mich umzustimmen. 

Florian hatte für uns drei ein Hotelzimmer gebucht, damit wir ganz entspannt am nächsten Morgen zurückfahren konnten. 

Nachdem wir eingecheckt und unser weniges Gepäck verstaut hatten, machten wir uns zu Fuß auf in Richtung der Location, wo wir uns am Nachmittag mit den anderen treffen wollten. 

Ich genoss den Lärm der Straßen, die Unterschiedlichkeit der Menschen, die einem hier begegneten. Es war ganz anders, als in meinem Heimatdorf. Anonymer. Man musste nicht bei jedem Schritt befürchten, von den Nachbarn observiert zu werden. 

Als ich Stefan davon erzählte, lachte er laut auf. 

Gegen 16 Uhr trudelten allmählich auch die anderen ein. Es tat gut, die Leute einmal wieder zu sehen. Auch wenn ich nicht mit allen befreundet gewesen war, so hatte man sich doch nahezu täglich über viele Jahre hinweg gesehen und unser Klassenzusammenhalt war auch recht gut gewesen. 

Der Abend war ausgelassen und wir feierten das Wiedersehen. Ich hatte mich gerade ausgiebig mit Jonathan unterhalten, als er verkündete, dass er sich noch etwas zu trinken holen würde. 

Ich ließ meinen Blick über die Anwesenden streifen. Sie hatten sich kaum verändert, obwohl ein paar von ihnen deutlich erwachsener geworden waren. 

„Philipp!“ Eine mir bekannte Stimme erklang und überrascht wandte ich den Kopf. 

Ich traute meinen Augen kaum. Es war Richard, keiner meiner ehemaligen Klassenkameraden. Er war früher mit meinem Bruder in die Schule gegangem, war sein bester Freund gewesen. Richard war oft bei uns zu Hause gewesen und manchmal hatten die beiden mich mitgenommen, wenn sie unterwegs waren und wieder einmal Unfug anstellten. Bei dem Gedanken an Michael machte sich Schwermut in mir breit. 

„Richard? Was machst du hier? Ich hatte …“ … nicht damit gerechnet, dich hier zu treffen, wollte ich sagen, aber ich bremste mich im letzten Augenblick. Es klang unhöflich. Es klang danach, dass ich ihn nicht sehen wollte. Und es wäre nicht einmal gelogen. Ich mochte Richard. Aber ihn hier und noch dazu ausgerechnet heute zu treffen, warf mich aus der Bahn. 

„Tut mir Leid, dass ich ausgerechnet jetzt auftauche, Philipp. Ich …“ Er stockte, scheinbar nicht sicher, wie er sagen sollte, was immer ihn beschäftigte. „Ich habe die letzten Monate immer wieder versucht dich zu erreichen. Dein Vater hat mich am Telefon abgewimmelt und wenn ich zu Besuch kam, meinte er immer, du seist nicht zu Hause.“ Betrübt schüttelte ich den Kopf. 

Unsicher, was ich davon halten sollte, folgte ich seinen Worten mit gerunzelter Stirn. 

„Meine Schwester hat mir von eurem Klassentreffen erzählt. Auch wenn ich weiß … ach verdammter sch…“ Richard schüttelte den Kopf. „Michael hätte gewollt, dass du es weißt!“  

Er reichte mir einen Briefumschlag und im gleichen Moment, da ich ihn verwirrt entgegennahm, schien von seinen Schultern eine schwere Last abzufallen. 

„Wenn du reden willst … Du kannst mich gerne anrufen. Und wenn nicht … ich habe Verständnis!“ 

Richard reichte mir einen weiteren Zettel, auf dem in sauberer Handschrift seine Handynummer stand. Ehe ich etwas erwidern konnte, nickte er mir kurz zu und verschwand dann aus meinem Blickfeld. Verwirrt blieb ich alleine zurück. Erst als Stefan mir lachend auf die Schulter klopfte und fragte, was los sei, schaffte ich es, mich aus meiner Erstarrung zu lösen. 

Ich beschloss, was immer in diesem Brief stand, zu einem späteren Zeitpunkt zu lesen. An einem anderen Ort. Jetzt war nicht der richtige Augenblick, um mich mit was-auch-immer zu beschäftigen. 

Als wir spät in der Nacht von der Feier ins Hotelzimmer zurückkehrten, war die Stimmung meiner beiden Freunde ausgelassen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie endlich ruhiger wurden und sich schließlich hinlegten. Ich jedoch fand keine Ruhe. Stattdessen warf ich die Bettdecke zurück, schnappte mir den Brief und meine Jacke und verließ das Hotelzimmer. 

Der Lounge-Bereich war um diese Zeit nahezu verlassen. Also ließ ich mich in einem der gepolsterten Sessel nieder und widmete mich dem Brief.

Der Umschlag verkündete, dass mein Bruder ihn an Richard geschickt hatte. Der Poststempel war auf den 3. März 2014 datiert, zwei Wochen vor Michaels Tod. Ich entfaltete den mehrseitigen Brief und begann zu lesen. 

Mein Blick begegnete dem meines Vaters, der in der vordersten Reihe stand. Ich konnte deutlich die Verwirrung auf seinem Gesicht erkennen. Er wusste nicht, worauf das hier hinauslaufen würde – noch nicht. 

Ich ließ meine Augen durch den Raum wandern und mit einem Mal war es, als könnte ich Michael sehen. Auf dem Sofa, dem Fernseher gegenüber. Wie üblich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, als er zu mir herübersah. 

Ich hatte immer geglaubt, meinen Bruder zu kennen. Das wir uns nahe gewesen seien. Ich dachte wirklich, wir hätten über alles reden können. Und doch hatte er ein so gewaltiges Geheimnis vor mir gehabt. Eines, das ihn am Ende zerbrach und eine Kluft zwischen uns entstehen ließ, die größer nicht hätte sein können. 

Mit einem Mal entdeckte ich in der Menge vor mir ein Gesicht, mit dem ich hier niemals gerechnet hätte. Ich war mir im ersten Moment nicht sicher, ob mir sein Auftauchen das Aussprechen der Wahrheit erleichtern oder gar erschweren würde. Dann jedoch lächelte er plötzlich und als Richard mir aufmunternd zunickte, spürte ich eine neue Welle von Mut. Ich war es ihm schuldig. 

„Michael ist nicht bei einem Unfall gestorben. Er hat den Tod aus freien Stücken gewählt.“ 

Ein Raunen ging bei meinen Worten durch die Menge und ich wartete einen Moment, bis sich die Leute wieder halbwegs beruhigt hatten. 

„Es war jedoch nicht seine Abneigung gegen das Leben selbst, die ihn diesen furchtbaren Weg gehen ließ. Ganz im Gegenteil. Es war die Liebe, die ihm schlussendlich das Genick brach.“ 

Mein Blick glitt zu meinem Vater. Als ich den Ärger in seinen Augen aufleuchten sah, wusste ich, dass das, was in Michaels letztem Brief stand, die Wahrheit war. So sehr es mich auch schockierte, umso mehr beruhigte es mich doch, dass Michaels Zeilen bis ins letzte Detail der Wahrheit entsprachen.  

Als er einen Schritt nach vorne machte und dazu ansetzte, etwas zu sagen, sprach ich hastig weiter. Ich würde mich nicht mehr aufhalten lassen. 

„Mein Bruder liebte einen Mann. Und obwohl man in der heutigen Zeit von Aufgeklärtheit spricht, so war es doch unser eigener Vater, der ihm daraufhin versuchte, das Leben schwer zu machen. Es war unser Vater, der ihn zum Tode verurteilte, indem er ihn nicht so leben ließ, wie er es sich wünschte.“ 

Ich blickte mit ausdruckslosem Gesicht zu meinem Vater, dessen Gesicht mittlerweile eine einzige Maske aus Zorn war. Es war mir gleich. Die Wahrheit zählte für mich am Ende mehr, als seine Zuneigung. Ein Vater, der dem einen die Liebe und dem anderen seinen Lebenstraum verwehrte, war in meinen Augen kein Vater. 

Mein Blick wanderte weiter zu meiner Mutter. Tränen glitzerten in ihren Augen und hatten feuchte Spuren auf ihre Wangen gezeichnet, während Ungläubigkeit ihr Gesicht zeichnete. Sie hatte also nichts davon gewusst. Ich war erleichtert und zugleich umso mehr bestürzt. Hätte sie es nicht am ehesten bemerken müssen? Sie war dem Abgrund gegenüber blind gewesen, der meinen Bruder letztlich verschlang. 

„Michael hat sich mit seinem Weg aus dem Zwang unseres Vaters befreit. Auch wenn mich seine Wahl des Mittels traurig macht, erfüllt es mich doch mit Stolz, dass er zu dem stand, was ihm etwas bedeutete. Bis zuletzt ist er seinem Herz treu geblieben.“ 

Ich heftete meinen Blick auf Richard. Er war für mich ein Fels in der Brandung, etwas, woran ich mich festhalten konnte, während der Rest der Versammelten mich zu ertränken versuchte. Richard und Michael also. Vielleicht wäre es mir aufgefallen, hätte ich besser hingesehen. 

„Es war sein Wunsch, dass ihr die Wahrheit kennt. Bis heute hat unser Vater versucht, den Mantel des Schweigens darüber zu breiten. Weil es ihm unangenehm war, was die Leute denken könnten. Ich bin aber der Meinung, dass diejenigen, die ihn wegen seiner Gefühle verurteilen, es nicht wert sind, dass man sich über sie den Kopf zerbricht. Für mich ändert diese Wahrheit nichts daran, wie ich meinen Bruder in Erinnerung behalte. Wenn, dann macht es ihn für mich nur umso stärker!“ 

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