„Eine einzige Nacht“

Der Bass der Musik dröhnte aus den Boxen und ließ den Boden vibrieren. Blitzlichter zuckten über die Tanzfläche und rissen für jeweils wenige Herzschläge Körper aus der Dunkelheit. Wilde, zuckende Leiber, die sich zum Beat bewegten.

Etwas abseits vom Rest der Menge, die sich lauthals unterhielt – gerade so weit entfernt, dass er seine Ruhe hatte, er aber noch nicht auffiel – beobachtete er die Menschen.

Nachdenklich ließ er seinen Blick durch den Club schweifen. Eine Frau auf der Tanzfläche zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Schwarzhaarig. Leuchtend grüne Augen. Sie trug ein kurzes, blaues Kleid, mit tiefem Ausschnitt; hochhackige, paillettenbesetzte Schuhe. Die Lippen, dunkelrot, leuchteten ihm entgegen, ansonsten war sie eher dezent geschminkt. Einzig der dicke Wimpernkranz ließ ihre Augen größer wirken und zog seinen Blick immer wieder wie magisch zu ihr.

Simon beobachtete, wie sie sich sinnlich zur Musik bewegte, die Augen halb geschlossen, schien sie ihre Umgebung nur halb wahr zunehmen.

Er wägte in Gedanken ab, zu ihr zu gehen. Eigentlich wollte er sich heute einen ruhigen Abend machen. Hatte sich vorgenommen, die Frauen einmal außer Acht zu lassen. Aber bei ihr konnte er einfach nicht anders, als sie ständig von Neuem anzustarren. Ihre Lippen, die dazu einluden, sie zu küssen.

Er schüttelte den Kopf und versuchte den Gedanken beiseitezuschieben. Wenn er nicht endlich den Blick von ihr abwendete, würde er sich nicht mehr von ihr fernhalten können.

Schließlich schaffte es seine Vernunft doch noch, ihn mit seinem leeren Glas in Richtung Bar gehen zu lassen. Er hasste es, ohne Getränk da zu sitzen.

Er musste an Marika denken. Die junge Frau, mit der er vor zwei Nächten von einer Party fortgegangen war. Sie war wild gewesen, hatte ihn feurig gemacht.

Als er beim Tresen ankam, traute er seinen Augen kaum. Direkt vor ihm stand die schwarzhaarige Schönheit. Sein Magen zog sich zusammen und gleichzeitig machte sein Herz einen gewaltigen Sprung. Er wollte sich gerade dem Barkeeper zuwenden, als sie neben ihn trat.

Er spürte die Wärme ihres Körpers nah an seinem. Ihre Blicke trafen sich, dann wanderten seine Augen tiefer, direkt zu ihrem Ausschnitt, der ihm einladend entgegen starrte.

„Gefällt dir, was du siehst?“

Ihre Stimme war dunkel und süß zugleich. Ihr Atem strich über seinen Hals und hinterließ eine Gänsehaut.

Ertappt spürte er, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. Verärgert trat er einen Schritt zurück und wollte sich abwenden. Sie hatte ihn geradezu eingeladen, hinzusehen. Was erwartete sie?

Als er ihrem Blick erneut begegnete, sah er ein amüsiertes Glitzern in ihren Augen. Er musste schlucken und zwang sich, ruhig zu atmen.

„Kein Grund, verlegen zu werden.“ Sie zuckte mit den Schultern, als wäre es ihr gleich, dass sie ihn beim Starren erwischt hatte. „Mein Name ist übrigens Lavea. Und du bist?“

„Simon“, antwortete er knapp, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen.

„Freut mich.“ Sie schenkte ihm ein breites Lächeln und schob sich dann eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich wollte gerade gehen. Der DJ wird zunehmend schlechter. Du warst nicht zufällig auch gerade auf dem Sprung?“

Simon glaubte, sich verhört zu haben. War das ihr ernst? Er spürte, wie sich bei ihrem Anblick tief in ihm etwas regte. Er wollte ja sagen. Wollte sie mit zu sich nach Hause nehmen. Sie war genau der Typ Frau, der ihn besonders anzog. Was sprach schon dagegen?

Doch ein Rest Vernunft sagte ihm, dass es keine gute Idee war. Er sollte den Kopf schütteln; sagen, dass er keine Lust hatte. Ja, er fand sie interessant. Und gerade deshalb sollte er vernünftig handeln.

Sie schien sein Zögern zu bemerken und schob traurig die Unterlippe vor. „Dann werde ich wohl laufen müssen.“

Simon wagte kaum, zu atmen, als sie sich mit einem letzten Blick auf ihn abwandte und durch die Menge verschwand. Er beobachtete, wie sie sich Richtung Ausgang bewegte, folgte ihrem wiegenden Schritt mit den Augen.

Gerade erreichte sie die Tür, da setzten sich seine Füße wie von selbst in Bewegung. Am Ausgang schnappte er sich seine Jacke und trat dann in die Nacht hinaus. Kühle Luft schlug ihm entgegen und leichter Nieselregen benetzte seine Haut. Angenehm nach der vorangegangenen, stickigen Wärme. Er atmete tief ein und blickte sich um.

Eine Gruppe Raucher stand neben dem Ausgang beisammen. Ansonsten war zu beiden Seiten nur die leere Straße zu sehen, die sich in der Dunkelheit verlor.

Konnte sie so schnell gewesen sein?

Er schüttelte trotz der Enttäuschung den Kopf. Es war besser so. Besser für sie und besser für ihn. Marika war ein Fehler gewesen, ebenso wie die Frauen in den Wochen zuvor, die ihn aus dem Club oder einer Bar nach Hause begleitet hatten. Er hatte seinen Spaß gehabt, sicher. Mehr aber auch nicht. Spätestens am nächsten Tag, wenn das berauschende Gefühl verflogen war, hatte er es bereut. Er wollte mit ihr nicht den gleichen Fehler machen.

Simon wandte sich um und ging zu seinem Auto. Darauf, zurück in die Bar zu gehen, hatte er nun auch keine Lust mehr. Am Ende würde er sich nur betrinken.

Er gelangte bei seinem Wagen an und wollte gerade einsteigen, als er ein Räuspern vernahm. Langsam wandte er sich um.

Da stand sie, die Schwarzhaarige. Lavea. Er hatte nicht damit gerechnet, sie doch noch einmal wieder zu sehen.

„Ich dachte, du wolltest noch bleiben?“ Halb klang ihre Stimme vorwurfsvoll, halb erfreut.

Er war sich nicht sicher, was er davon halten sollte, dass sie ausgerechnet in der Nähe seines Wagens wartete.

„Was machst du hier?“

Die Worte kamen forscher über seine Lippen, als beabsichtigt. In der Tat erntete er dafür eine hochgezogene Augenbraue, dann verzog Lavea den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

„Sag bloß, das ist dein Wagen?“ Als er zögerlich nickte, lachte sie auf. „Ich warte auf mein Taxi. Selbst schuld, wenn du hier parkst.“

Verständnislos sah er sie an, dann folgte er ihrem Blick, der nach links glitt. Keine fünf Meter von seinem Wagen entfernt, stand ein Taxischild.

Zum zweiten Mal an diesem Abend verlegen, zuckte er mit den Schultern. Dann richtete er seinen Blick auf den Schlüssel in seiner Hand, ehe er wieder zu ihr sah. Sie schien ihn zu beobachten. Auf etwas zu warten.

Er atmete tief durch. Ach, was sollte es? Was sprach schon dagegen?

„Kann ich dich mitnehmen?“

Lavea lächelte, dann kam sie auf ihn zu.

„Sehr gern.“

Zwanzig Minuten später erreichten sie ihre Wohnung.

Simon wollte weiterfahren. Er wusste, dass es sinnvoll war. Doch als sie sich zu ihm vorbeugte und ihm einen Kuss auf die Wange gab, setzte sein Herz einen Schlag aus. Er setzte bereits zu einem Abschied an, als sich ihre Hand plötzlich auf seinen rechten Oberschenkel legte. Seine Haut begann zu kribbeln, dann fuhr sie langsam mit ihren Fingern höher.

Simon schluckte schwer.

„Magst du nicht doch noch mit hochkommen?“ Ihre Stimme klang rauchig vor Verlangen.

Nicht mehr länger daran interessiert, vorsichtig zu sein, nickte Simon und folgte ihr ins Haus, zu ihrer Wohnung im zweiten Stock. Mit einem Lächeln winkte sie ihn hinein.

Sie waren kaum zur Tür herein, da zog sie ihn an sich und begann ihn stürmisch zu küssen. Simon wusste im ersten Moment nicht, wie ihm geschah. Er war andere Frauen gewohnt, Frauen mit mehr Zurückhaltung. Lavea hingegen war wild. Sie gefiel ihm.

Mit einer freien Hand schaltete sie das Licht an, mit der anderen zog sie ihn den Flur entlang zu einer Tür, hinter der das Schlafzimmer lag.

Ungeduldig streifte sie seine Jacke ab, während er seine Hände über ihren Körper gleiten ließ. Es kostete ihn alle Mühe, sich zurückzuhalten. Seine Begierde, ihren Körper unter sich zu spüren, wurde mit jedem Atemzug unerträglicher.

Plötzlich spürte er einen harten Stoß und im nächsten Moment fand er sich mit dem Rücken auf dem Bett wieder. Laveas Lächeln kam näher. Wie beiläufig streifte sie ihre Schuhe ab, dann kniete sie sich auf ihn und begann sein Hemd aufzuknöpfen. Simon wollte sich gerade aufrichten und sie zu sich heranziehen, doch sie war schneller. Stieß ihn zurück auf die Matratze und beugte sich über ihn. Sie verwob ihre Lippen mit seinen in einem leidenschaftlichen Kuss. Ihre Hände wanderten unaufhaltsam weiter über seinen Körper und entfachten kleine Feuer auf seinem Körper, die ihn mit wohligen Schauern überliefen.

Ein Schalter in seinem Kopf legte sich um.

Er packte sie bei den Armen und warf sie herum, rollte sich über sie. Eine Hand in ihr Haar gekrallt, zog er den Reißverschluss seiner Hose herunter. Ein Keuchen drang über ihre Lippen, während sein Kuss fordernder wurde, seine Zunge in ihren Mund drang. Er schob eine Hand unter ihr Kleid und stellte fest, dass sie nichts darunter trug. Fast im gleichen Moment legten sich ihre Finger auf seine und versuchten, ihn zurückzuhalten. Erst zögerlich, dann mit mehr Nachdruck, doch er stieß ihre Finger fort. Begierig drängte er sich an sie. Am Rande bemerkte er, wie sie sich bemühte, ihn mit mehr Nachdruck abzuwehren und von sich zu schieben, doch er packte nur ihre Handgelenke und drückte sie über ihrem Kopf auf die Matratze. Sein Verlangen war mittlerweile zu groß, als dass er sich nun noch würde aufhalten lassen.

Sie wandte den Kopf ab und löste sich aus dem Kuss. Ein Knurren kam über seine Lippen.

„Nicht!“, stieß sie keuchend hervor.

Ein raues Lachen kam über seine Lippen. „Es war dumm von dir, dich an mich heran zu werfen. Alles, was jetzt kommt, hast du dir selbst zuzuschreiben.“

Ihre Augen leuchteten überrascht auf, als er seine linke Hand um ihren Hals legte und spielerisch zudrückte, während die Lust in immer stärkeren Wellen über ihm hereinbrach.

„Dumm ist hier nur einer“, brachte sie mühsam hervor.

Noch während er den Sinn ihrer Worte zu verstehen suchte, traf ihn etwas Hartes mit Wucht am Hinterkopf. Dunkle Sterne explodierten vor seinen Augen. Benommen fiel er neben ihr aufs Bett.

Simon drehte sich, um sie nicht aus den Augen zu verlieren, verwirrt darüber, was gerade geschehen war. Er beobachtete, wie sie vor dem Bett stehen blieb, neben ihr ein Mann mit einem Baseballschläger in der Hand, die Augen dunkel von Zorn.

„Du hast meine Schwester getötet. Marika war anständig. Du hast sie als Opfer auserkoren, weil sie zu naiv war. Aber den wahren Fehler, hast du begangen.“ Laveas Gesicht war völlig ausdruckslos. Von der Angst, die er kurz zuvor noch in ihren Augen gesehen hatte, war nichts geblieben.

Simon betrachtete sie eingehender und mit einem Mal erkannte er tatsächlich Ähnlichkeiten zwischen den beiden Frauen. Wie hatte er das vorher nicht erkennen können?

„Du wolltest doch Spaß, oder? Darren wird eine Menge Spaß mit dir haben, ehe du meiner Schwester ins Grab folgst.“

Sie legte dem fremden Mann eine Hand auf die Schulter und die beiden wechselten einen kurzen Blick. Dann drehte sie sich um und ging, ohne ihn noch einmal anzusehen. Entsetzt starrte Simon zu dem Mann auf, der vor ihm stand. So sollte es nicht enden.

Sein Überlebensinstinkt ließ ihn aufspringen, doch Darren packte ihn am Kragen und warf ihn zurück aufs Bett. Dann ließ er den Baseballschläger auf ihn niederfahren.

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