„Schmerzlos“

Eine feine rote Linie zog sich waagerecht über die Innenseite ihres Handgelenks, aus der immer mehr Rot hervortrat. Darunter zeichneten sich weitere ab, älter und bereits verblasst – Erinnerungen an vergangenen Schmerz.

Kaleen legte die Klinge beiseite – ein leises Klappern erklang, als der Stahl auf die Fliesen fiel – und betrachtete das Blut, das sich langsam einen Weg ihren Arm entlang hinabbahnte. Genau besehen wirkte es wunderschön, die Antwort auf alles. Dunkelrot auf blasser Haut.

Den Arm auf ihr linkes aufgestelltes Knie gelegt, lehnte sie ihren Kopf gegen die kühlen Wandfliesen, die Augen geschlossen.

All die aufgestaute Wut, die Verzweiflung, die Hilflosigkeit verschwammen im pulsierenden Herzschlag, der das Leben durch ihre Adern beförderte.

Zum ersten Mal in den letzten Stunden breitete sich in ihren Gedanken eine angenehme Leere aus. Ein Nebel aus Vergessen und willkommener Taubheit legte sich, einem Schleier gleich, über sie.

„Du kommst zu spät!“, raunte ihr Christina ins Ohr und packte sie am Arm, kaum kehrte sie von der Toilette zurück.

Es brauchte einen Augenblick, bis Kaleen wusste, wovon ihre Freundin sprach. Ach ja, richtig! Physikstunde! Danach stand ihr gerade so gar nicht der Sinn.

„Ich fühl mich nicht gut, mir ist irgendwie schlecht“, murmelte sie und versuchte sich aus dem Griff ihrer Freundin zu befreien.

„Oh nein, Kaleen! Bitte lass mich nicht schon wieder allein! Die Stunde hat sowieso längst begonnen. Herr Kolmer macht mir sicherlich die Hölle heiß!“

Die Hölle – dort befand sie sich bereits.

„Dann schwänz den Unterricht“, seufzte sie.

„Danach haben wir aber auch noch Mathe bei Frau Hagebrandt, die letzte Stunde vor der Schulaufgabe.“

Als Kaleen keine Anstalten machte, darauf einzugehen, setzte Christina eine entsetzte Miene auf.

„Weißt du eigentlich, wie furchtbar es ist, bei ihr allein in der ersten Reihe sitzen zu müssen? Un-er-träg-lich!“, stöhnte sie verzweifelt. „Freundinnen lassen einander nicht im Stich!“

Kaleen wandte den Kopf von ihr ab. Sie konnte den vorwurfsvollen Blick ihrer Freundin nicht ertragen. Doch es war bereits zu spät – Christina hatte gewonnen.

„Schön, aber lass meinen Arm los, du tust mir weh.“

„Magst du noch mit zu mir kommen?“, fragte Christina, damit beschäftigt, ihre Sachen zusammenzuräumen.

„Nein, wir haben gleich Theaterprobe, ein andermal gerne.“

Christina verzog enttäuscht das Gesicht, zuckte im nächsten Moment jedoch mit den Schultern. „Schade … Na ja, kann man wohl nichts machen. Ich muss mich beeilen, mein Bruder holt mich heute ab. Wir sehen uns.“

„Ja, bis morgen.“

Kaleen wartete, bis ihre Freundin und der Rest ihrer Mitschülter das Klassenzimmer verlassen hatten, dann nahm sie ihren Rucksack vom Boden und ging in Richtung Toilette.

Der Vorteil daran, am späten Nachmittag in der Schule zu bleiben war, dass man so gut wie niemandem begegnete. Eine Weile lauschte sie der Musik, die von ihrem Smartphone über die Ohrstöpsel gespielt wurde. Den Kopf gegen die Trennwand einer der Klokabinen gelehnt, versuchte sie den zurückliegenden Tag auszublenden.

Irgendwann, nachdem sich ihre Gefühle halbwegs beruhigt hatten, erhob sich Kaleen und verließ die Toilettenkabine. Vor dem Waschbecken blieb sie stehen und öffnete den Hahn. Mit den Händen formte sie eine Schale und ließ das Wasser hineinlaufen, dann tauchte sie ihr Gesicht hinein.

Angenehm kühl benetzte es ihre Haut und klärte ihre Gedanken. Der Unterricht war der Horror gewesen, etwas anderes hatte sie allerdings auch nicht erwartet. Nicht, wenn er ihr über den Weg lief.

Sie riss zwei Papiertücher aus dem Spender und tupfte ihr Gesicht trocken, dann warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr.

Noch knapp fünfzehn Minuten, bis die Theaterprobe endete. Wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, einem ihrer Mitschüler zu begegnen und in Erklärungsnot zu geraten, weshalb sie schon wieder geschwänzt hatte, so musste sie sich beeilen.

Mit einem letzten Blick auf das leblose Gesicht, das ihr aus dem Spiegel entgegenstarrte, schnappte sie sich ihren Rucksack und flüchtete zur Tür hinaus. Wohin, das wusste sie nicht genau, nur weg von hier, der Schule und allem, was sie an ihn erinnerte.

Es dämmerte bereits, als sie nach Hause kam. Vor der Tür kramte sie ihren Schlüssel heraus, schloss auf und schob sich dann durch den Spalt ins Haus hinein.

Sie hoffte, ungesehen an ihrer Mutter vorbeizukommen, doch im nächsten Moment hörte sie auch schon Schritte und die Küchentür wurde aufgerissen.

„Junge Dame! Warum kommst du erst jetzt? Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“ Ihre Mutter schüttelte entrüstet den Kopf, ihr langes, braunes Haar umwirbelte dabei ihr Gesicht wie ein Nest aus wütenden Schlangen. „Ich habe mir Sorgen gemacht, kannst du dir das vorstellen?“

„Wir mussten noch länger an unserem Schulprojekt arbeiten, kein Grund auszuflippen“, stöhnte Kaleen und wollte an ihrer Mutter vorbei zu ihrem Zimmer gehen, doch diese war schneller. Mit einem Schritt zur Seite stellte sie sich ihr in den Weg, einen Arm an die gegenüberliegende Wand gestützt.

„Du schaust müde aus. Hast du letzte Nacht überhaupt geschlafen?“

„Natürlich habe ich das. Es war ein anstrengender Tag, ich bin erledigt.“

„Gut, dann geh dich umziehen, ich wärm dir dein Essen auf“, seufzte ihre Mutter.

„Ich hab‘ keinen Hunger.“

„Du wirst gefälligst etwas essen! Bestimmt hast du den ganzen Tag wieder nichts zu dir genommen!“

Kaleen, die bereits wusste, worauf das Gespräch hinauslaufen würde, duckte sich eilig unter dem Arm ihrer Mutter hindurch und lief den Flur hinunter.

„Komm zurück, Kaleen! Du kannst mich jetzt nicht einfach so stehen lassen!“

„Kann ich. Siehst du doch.“ Aber sie sprach die Worte nur so leise, dass ihre Mutter es nicht hören konnte.

In ihrem Zimmer angekommen schlug sie die Tür zu und verriegelte sie. Ihren Rucksack warf sie in die Ecke neben den Schreibtisch, dann ließ sie sich erschöpft aufs Bett fallen.

Behutsam schob sie den linken Ärmel ihres Pullovers nach oben und betastete den Schnitt unter dem Pflaster. Er war nicht tief gewesen, nur ein Kratzer und schmerzte kaum noch. Morgen würde sie das Pflaster schon nicht mehr benötigen.

Ihr Magen gab ein rumorendes Geräusch von sich. Kaleen ignorierte es und ging stattdessen ins Bad hinüber, das zu ihrem Zimmer gehörte. Sie stellte den Wasserstrahl der Dusche an, legte ein Handtuch bereit und ließ ihre Kleider zu Boden gleiten.

Das heiße Wasser fühlte sich gut an auf ihrer Haut. Es war, als würde es den ganzen Schmutz des Tages fortwaschen, die Erinnerungen, den Schmerz.

Nein, sie fühlte keinen Schmerz! Schmerzen waren eine subjektive Empfindung, sie existierten nicht wirklich. Ebenso surreal wie die Erinnerungen, die unablässig an die Oberfläche ihres Geistes zu dringen versuchten. Bilder wie aus einem Alptraum, die sie mit Übelkeit zurückließen und einem Gefühl der Leere.

Es war jeden Tag dasselbe, ein endloser Kampf gegen die Wahrheit. Ihre Bemühungen, sie zu unterdrücken waren jedoch so ergebnislos, als versuche sie, den Mond daran zu hindern, in der Nacht am Himmel aufzugehen.

Tage voller Leere, die um sie herum zu verschwimmen schienen. Die Zeit lief unaufhaltsam weiter, drohte sie zu Ersticken, egal, wie sehr sie dagegen ankämpfte. Jeder Schritt, den sie voranging, so unglaublich schwer, als hätte ihr jemand Gewichte um die Füße gebunden, während alle anderen weiter voraneilten, ohne einen Blick zurück. Es war, als wäre sie unsichtbar, gefangen in der Leere, die sie sich selbst zu erschaffen mühte, ein ewiger Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gab.

Nachdem sie sich abgetrocknet und umgezogen hatte, kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Hinter den Fensterscheiben war bereits die Dunkelheit heraufgezogen, einem schwarzen Mantel gleich, der die Geschehnisse des Tages überdecken wollte.

Kaleen schaltete das Licht aus und tastete sich zu ihrem Bett vor. Sie machte sich nicht die Mühe, die Decke beiseitezuschieben, ihr war sowieso zu warm. Mit offenen Augen starrte sie in die Schatten hinauf, die über ihr an der Decke waberten, Formen annahmen und wieder ausfransten.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken.

„Kaleen? Magst du nicht doch etwas essen? Ich habe extra dein Lieblingsessen für dich aufgewärmt, Lasagne“, erklang die Stimme ihrer Mutter gedämpft durch das Holz.

„Danke! Wirklich nicht!“, erwiderte sie knapp, ohne überhaupt aufzublicken.

Ihren Worten folgte eine kurze Pause, in der sich die Stille immer weiter auszudehnen schien, fast greifbar. Ein Band, das sie miteinander verknüpfen könnte.

Dann erklangen die schweren Schritte ihrer Mutter, die in Richtung Küche zurücklief und die Illusion der Verbundenheit zerplatzte wie ein Traum aus Seifenblasen.

Kaleen rollte sich zur Seite und zog die Knie an die Brust. Unermüdlich versuchte sie, die Bilder niederzuringen, die unaufhaltsam an die Oberfläche ihres Geistes zu dringen versuchten. Doch nicht einmal das Gefühl der Leere ihres Magens und das Pochen in ihrem Arm vermochten die Erinnerungen aufzuhalten. Nicht mehr.

Sie glaubte, wieder seinen Atem zu spüren, der über ihren Nacken strich. Seine Hand, die sich auf ihren Mund legte und den überraschten Aufschrei erstickte. Wie sich sein kräftiger Arm um ihre Taille legte, sie herumriss und gegen die Wand presste. Jeder ihrer Versuche, sich zu befreien, oder gar, um Hilfe zu schreien, wurde von ihm zunichtegemacht. Und die ganze Zeit über war da nur sein bohrender Blick, der sie beobachtete.

Jedes Mal, wenn sie sich begegneten, waren da wieder die Erinnerungen, ausgelöst durch seinen Geruch, seinen Anblick, sein überlegenes Grinsen.

Sie verabscheute die Mädchen, die hinter vorgehaltener Hand zu kichern begannen, wann immer er vorüberging und ihnen zuzwinkerte. Hasste sie, weil sie sich selbst einmal so verhalten hatte, ohne zu ahnen, wie er in Wirklichkeit war. Ein Monster – das sie jede Nacht aufs Neue in ihren Träumen heimsuchte.

Stumme Tränen bahnten sich einen Weg unter ihren geschlossenen Lidern hervor.

All ihre Versuche, den Schmerz zu betäuben, hatten nichts geholfen. Nicht das Training, bis zum Erbrechen, zur totalen Erschöpfung. Auch nicht der Alkohol, um ihn zu betäuben. Und schon gar nicht anderer Schmerz, um den alten zu überlagern. Es war alles vergebens!

Am nächsten Morgen fühlte sie sich wie gerädert, nichts Besonderes. Doch während sie noch in der Dunkelheit lag, veränderte sich allmählich etwas. Nachdem sie die schrecklichen Bilder des immer wieder gleichen Alptraumes abgeschüttelt hatte, der sie schon seit so langem quälte, fasste sie einen Entschluss.

Es gab nur eine Möglichkeit, eine Hoffnung, um mit der Vergangenheit ein für alle Mal abzuschließen.

Sie duschte, zog sich an und packte ihren Rucksack, wie jeden Morgen. Anschließend ging sie in die Küche, wo ihre Mutter mit einer Tasse Kaffee am Tisch saß.

„Guten Morgen“, begrüßte ihre Mutter sie abwesend, den Blick auf die Zeitung in ihren Händen gerichtet.

Kaleen setzte sich ihr gegenüber und nahm ein Brötchen.

„Morgen“, erwiderte sie, dann schnitt sie es mit einem Messer auf und begann eine feine Schicht Butter darauf zu schmieren.

Kurz begegneten sich ihre Blicke und sie sah die Überraschung in den Zügen ihrer Mutter aufblitzen. Kaleen konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal gemeinsam am Tisch gesessen hatten, um etwas zu essen. Es war wohl schon eine Weile her.

Ihre Mutter sagte nichts, vielleicht aus Angst, sie dadurch zu verschrecken. Doch auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein zufriedener Ausdruck ab.

Eine Viertelstunde später verließ Kaleen das Haus. Ihre Mutter rief ihr noch ein „Viel Spaß in der Schule!“ durch die Tür hinterher, dann fiel sie ins Schloss.

Ein endgültiges Geräusch.

Eine tiefe, innere Ruhe erfüllte Kaleen, als sie zur Schule lief. Sie ließ sich mehr Zeit als sonst, es gab nichts, das sie zur Eile zwang.

Das Messer im Rucksack wartete auf neues Blut. Doch diesmal würde es nicht Kaleens sein. Sie würde Herrn Kolmer das überlegene Grinsen aus dem Gesicht schneiden und wenn es das Letzte war, was sie tat!

Eine feine rote Linie zog sich waagerecht über ihr Handgelenk, aus dem immer mehr Rot hervortrat. Darunter zeichneten sich weitere ab, älter und bereits verblasst – Erinnerungen an längst vergangenen Schmerz.

Kaleen legte die Klinge beiseite – ein leises Klappern erklang, als der Stahl auf die Fliesen fiel – und betrachtete das Blut, das sich langsam einen Weg ihren Arm entlang hinabbahnte. Genau besehen wirkte es wunderschön, die Antwort auf alles. Dunkelrot auf blasser Haut.

Den Arm auf ihr linkes aufgestelltes Knie gelegt, lehnte sie ihren Kopf gegen die kühlen Wandfliesen, die Augen geschlossen.

All die aufgestaute Wut, die Verzweiflung, die Hilflosigkeit verschwammen im pulsierenden Herzschlag, der das Leben durch ihre Adern beförderte.

Zum ersten Mal in den letzten Stunden breitete sich in ihren Gedanken eine angenehme Leere aus. Ein Nebel aus Vergessen und willkommener Taubheit legte sich, einem Schleier gleich, über sie.

„Du kommst zu spät!“, raunte ihr Christina ins Ohr und packte sie am Arm, kaum kehrte sie von der Toilette zurück.

Es brauchte einen Augenblick, bis Kaleen wusste, wovon ihre Freundin sprach. Ach ja, richtig! Physikstunde! Danach stand ihr gerade so gar nicht der Sinn.

„Ich fühl mich nicht gut, mir ist irgendwie schlecht“, murmelte sie und versuchte sich aus dem Griff ihrer Freundin zu befreien.

„Oh nein, Kaleen! Bitte lass mich nicht schon wieder allein! Die Stunde hat sowieso längst begonnen. Herr Kolmer macht mir sicherlich die Hölle heiß!“

Die Hölle – dort befand sie sich bereits.

„Dann schwänz den Unterricht“, seufzte sie.

„Danach haben wir aber auch noch Mathe bei Frau Hagebrandt, die letzte Stunde vor der Schulaufgabe.“

Als Kaleen keine Anstalten machte, darauf einzugehen, setzte Christina eine entsetzte Miene auf.

„Weißt du eigentlich, wie furchtbar es ist, bei ihr allein in der ersten Reihe sitzen zu müssen? Un-er-träg-lich!“, stöhnte sie verzweifelt. „Freundinnen lassen einander nicht im Stich!“

Kaleen wandte den Kopf von ihr ab. Sie konnte den vorwurfsvollen Blick ihrer Freundin nicht ertragen. Doch es war bereits zu spät – Christina hatte gewonnen!

„Schön, aber lass meinen Arm los, du tust mir weh!“

„Magst du noch mit zu mir kommen?“, fragte Christina, damit beschäftigt, ihre Sachen zusammenzuräumen.

„Nein, wir haben gleich Theaterprobe, ein andermal gerne.“

Christina verzog enttäuscht das Gesicht, zuckte im nächsten Moment jedoch mit den Schultern. „Schade … Na ja, kann man wohl nichts machen. Ich muss mich beeilen, mein Bruder holt mich heute ab. Wir sehen uns.“

„Ja, bis morgen.“

Kaleen wartete, bis ihre Freundin das Klassenzimmer verlassen hatte, dann nahm sie ihren Rucksack vom Boden und ging Richtung Toilette.

Der Vorteil daran, am späten Nachmittag in der Schule zu bleiben war, dass man so gut wie niemandem begegnete. Kaleen blieb vor dem Waschbecken stehen und öffnete den Hahn. Mit den Händen formte sie eine Schale und ließ das Wasser hineinlaufen, dann tauchte sie ihr Gesicht hinein.

Angenehm kühl benetzte es ihre Haut und klärte ihre Gedanken. Der Unterricht war der Horror gewesen, etwas anderes hatte sie allerdings auch nicht erwartet. Nicht, wenn er ihr über den Weg lief.

Sie riss zwei Papiertücher aus dem Spender und tupfte ihr Gesicht trocken, dann warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr.

Noch knapp zwanzig Minuten, bis die Theaterprobe endete! Wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, einem ihrer Mitschüler zu begegnen und in Erklärungsnot zu geraten, weshalb sie schon wieder geschwänzt hatte, so musste sie sich beeilen.

Mit einem letzten Blick auf das leblose Gesicht, das ihr aus dem Spiegel entgegenstarrte, schnappte sie sich ihren Rucksack und flüchtete zur Tür hinaus. Wohin, das wusste sie nicht genau, nur weg von hier, der Schule und allem, was sie an ihn erinnerte.

Es dämmerte bereits, als sie nach Hause kam. Vor der Tür kramte sie ihren Schlüssel heraus, schloss auf und schob sich dann durch den Spalt ins Haus hinein.

Sie hoffte, ungesehen an ihrer Mutter vorbeizukommen, doch im nächsten Moment hörte sie auch schon Schritte und die Küchentür wurde aufgerissen.

„Junge Dame! Warum kommst du erst jetzt? Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“ Ihre Mutter schüttelte entrüstet den Kopf, ihr langes, braunes Haar umwirbelte dabei ihr Gesicht wie ein Nest aus wütenden Schlangen. „Ich habe mir Sorgen gemacht, kannst du dir das vorstellen?“

„Wir mussten noch länger an unserem Schulprojekt arbeiten, kein Grund auszuflippen!“, stöhnte Kaleen und wollte an ihrer Mutter vorbei zu ihrem Zimmer gehen, doch diese war schneller. Mit einem Schritt zur Seite stellte sie sich ihr in den Weg, einen Arm an die gegenüberliegende Wand gestützt.

„Du schaust müde aus. Hast du letzte Nacht überhaupt geschlafen?“

„Natürlich habe ich das. Es war ein anstrengender Tag, ich bin erledigt.“

„Gut, dann geh dich umziehen, ich wärm dir dein Essen auf“, seufzte ihre Mutter.

„Ich hab‘ keinen Hunger.“

„Du wirst gefälligst etwas essen! Bestimmt hast du den ganzen Tag wieder nichts zu dir genommen!“

Kaleen, die bereits wusste, worauf das Gespräch hinauslaufen würde, duckte sich eilig unter dem Arm ihrer Mutter hindurch und lief den Flur hinunter.

„Komm zurück, Kaleen! Du kannst mich jetzt nicht einfach so stehen lassen!“

„Kann ich. Siehst du doch.“ Aber sie sprach die Worte nur so leise, dass ihre Mutter es nicht hören konnte.

In ihrem Zimmer angekommen schlug sie die Tür zu und verriegelte sie. Ihren Rucksack warf sie in die Ecke neben den Schreibtisch, dann ließ sie sich erschöpft aufs Bett fallen.

Behutsam schob sie den linken Ärmel ihres Pullovers nach oben und betastete den Schnitt unter dem Pflaster. Er war nicht tief gewesen, nur ein Kratzer und schmerzte kaum noch. Morgen würde sie das Pflaster schon nicht mehr benötigen.

Ihr Magen gab ein rumorendes Geräusch von sich. Kaleen ignorierte es und ging stattdessen ins Bad hinüber, das zu ihrem Zimmer gehörte. Sie stellte den Wasserstrahl der Dusche an, legte ein Handtuch bereit und ließ ihre Kleider zu Boden gleiten.

Das heiße Wasser fühlte sich gut an auf ihrer Haut. Es war, als würde es den ganzen Schmutz des Tages fortwaschen, die Erinnerungen, den Schmerz.

Nein, sie fühlte keinen Schmerz! Schmerzen waren eine subjektive Empfindung, sie existierten nicht wirklich. Ebenso surreal wie die Erinnerungen, die unablässig an die Oberfläche ihres Geistes zu dringen versuchten. Bilder wie aus einem Alptraum, die sie mit Übelkeit zurückließen und einem Gefühl der Leere.

Es war jeden Tag dasselbe, ein endloser Kampf gegen die Wahrheit. Ihre Versuche, sie zu unterdrücken waren jedoch so ergebnislos, als hätte sie versucht, den Mond daran zu hindern, in der Nacht am Himmel aufzugehen.

Tage voller Leere, die um sie herum zu verschwimmen schienen. Die Zeit lief unaufhaltsam weiter, drohte sie zu Ersticken, egal, wie sehr sie dagegen ankämpfte. Jeder Schritt, den sie voranging, so unglaublich schwer, als hätte ihr jemand Gewichte um die Füße gebunden, während alle anderen weiter voraneilten, ohne einen Blick zurück. Es war, als wäre sie unsichtbar, gefangen in der Leere, die sie sich selbst zu erschaffen mühte, ein ewiger Kreislauf, aus dem es kein Entrinnen gab.

Nachdem sie sich abgetrocknet und umgezogen hatte, kehrte sie in ihr Zimmer zurück. Hinter den Fensterscheiben war bereits die Dunkelheit heraufgezogen, einem schwarzen Mantel gleich, der die Geschehnisse des Tages überdecken wollte.

Kaleen schaltete das Licht aus und tastete sich zu ihrem Bett vor. Sie machte sich nicht die Mühe, die Decke beiseitezuschieben, ihr war sowieso zu warm. Mit offenen Augen starrte sie in die Schatten hinauf, die über ihr an der Decke waberten, Formen annahmen und wieder ausfransten.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken.

„Kaleen? Magst du nicht doch etwas essen? Ich habe extra dein Lieblingsessen für dich aufgewärmt, Lasagne“, erklang die Stimme ihrer Mutter, gedämpft durch das Holz.

„Danke! Wirklich nicht!“, erwiderte sie knapp, ohne überhaupt aufzublicken.

Ihren Worten folgte eine kurze Pause, in der sich die Stille immer weiter auszudehnen schien, fast greifbar. Ein Band, das sie miteinander verknüpfen könnte.

Dann erklangen die schweren Schritte ihrer Mutter, die in Richtung Küche zurücklief und die Illusion der Verbundenheit zerplatzte wie ein Traum aus Seifenblasen.

Kaleen rollte sich zur Seite und zog die Knie an die Brust. Unermüdlich versuchte sie, die Bilder niederzuringen, die unaufhaltsam an die Oberfläche ihres Geistes zu dringen versuchten. Doch nicht einmal das Gefühl der Leere ihres Magens und das Pochen in ihrem Arm vermochten die Erinnerungen aufzuhalten. Nicht mehr.

Sie glaubte, wieder seinen Atem zu spüren, der über ihren Nacken strich. Seine Hand, die sich auf ihren Mund legte und den überraschten Aufschrei erstickte. Wie sich sein kräftiger Arm um ihre Taille legte, sie herumriss und gegen die Wand presste. Jeder ihrer Versuche, sich zu befreien, oder gar, um Hilfe zu schreien, wurde von ihm zunichtegemacht. Und die ganze Zeit über war da nur sein bohrender Blick, der sie beobachtete.

Jedes Mal, wenn sie sich begegneten, waren da wieder die Erinnerungen, ausgelöst durch seinen Geruch, seinen Anblick, sein überlegenes Grinsen.

Sie verabscheute die Mädchen, die hinter vorgehaltener Hand zu kichern begannen, wann immer er vorüberging und ihnen zuzwinkerte. Hasste sie, weil sie sich selbst einmal so verhalten hatte, ohne zu ahnen, wie er in Wirklichkeit war. Ein Monster – das sie jede Nacht aufs Neue in ihren Träumen vorfand.

Stumme Tränen bahnten sich einen Weg unter ihren geschlossenen Lidern hervor.

All ihre Versuche, den Schmerz zu betäuben, hatten nichts geholfen. Nicht das Training, bis zum Erbrechen, zur totalen Erschöpfung. Auch nicht der Alkohol, um ihn zu betäuben. Und schon gar nicht anderer Schmerz, um den alten zu überlagern. Es war alles vergebens!

Am nächsten Morgen fühlte sie sich wie gerädert, nichts Besonderes. Doch während sie noch in der Dunkelheit lag, veränderte sich allmählich etwas. Nachdem sie die schrecklichen Bilder des immer wieder gleichen Alptraumes abgeschüttelt hatte, der sie schon seit so langem quälte, fasste sie einen Entschluss.

Es gab nur eine Möglichkeit, eine Hoffnung, um mit der Vergangenheit ein für alle Mal abzuschließen.

Sie duschte, zog sich an und packte ihren Rucksack, wie jeden Morgen. Anschließend ging sie in die Küche, wo ihre Mutter mit einer Tasse Kaffee am Tisch saß.

„Guten Morgen“, begrüßte ihre Mutter sie abwesend, den Blick auf die Zeitung in ihren Händen gerichtet.

Kaleen setzte sich ihr gegenüber und nahm ein Brötchen.

„Morgen“, erwiderte sie, dann schnitt sie es mit einem Messer auf und begann eine feine Schicht Butter darauf zu schmieren.

Kurz begegneten sich ihre Blicke und sie sah die Überraschung in den Zügen ihrer Mutter aufblitzen. Kaleen konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal gemeinsam am Tisch gesessen hatten, um etwas zu essen. Es war wohl schon eine Weile her.

Ihre Mutter sagte nichts, vielleicht aus Angst, sie womöglich zu verschrecken. Doch auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein zufriedener Ausdruck ab.

Eine Viertelstunde später verließ Kaleen das Haus. Ihre Mutter rief ihr noch ein „Viel Spaß in der Schule!“ durch die Tür hinterher, dann fiel sie ins Schloss.

Ein endgültiges Geräusch.

Eine tiefe, innere Ruhe erfüllt, als sie zur Schule lief. Sie ließ sich mehr Zeit als sonst, es gab nichts, das sie zur Eile zwang.

Das Messer im Rucksack wartete auf neues Blut. Doch diesmal würde es nicht Kaleens sein. Sie würde Herrn Kolmer das überlegene Grinsen aus dem Gesicht schneiden und wenn es das Letzte war, was sie tat!

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