„Goldener Blick“

Das Antlitz der Burg ragte majestätisch vor den grünbewachsenen Hügeln Nordirlands empor. Dahinter türmten sich dunkle Wolken am Himmel auf, die von baldigem Regen kündeten.

Layen schob den Riemen ihres Rucksacks ein Stück höher, während das Gewicht ihre rechte Schulter in Richtung Boden drückte. Mit müden Schritten ging sie auf das alte Gemäuer zu, unter jedem ihren Füßen knirschte der Kies. Hinter sich vernahm sie das laute Geschnatter ihrer Schulkameraden. Vermutlich wussten die Burgherren bereits, dass sie auf dem Weg waren.

„So, bitte mal alle herhören!“

Die Stimme des Lehrers übertönte die übrigen Rufe und nach einigen weiteren Versuchen kehrte tatsächlich Ruhe ein.

Layen vermied den Blick zu ihren Klassenkameraden und nahm stattdessen das Gemäuer genauer in Augenschein. Zwei Türme fassten die Vorderfront ein und stattliche Zinnen ragten gen Himmel. Die Burg hatte insgesamt drei Stockwerke, vier hohe Fensterreihen übereinander. In der Waagerechten konnte sie zehn Fenster zählen.

Das Gebäude war aus Bruchstein erbaut worden und stammte wohl noch aus der Zeit um 1400, wie ihnen der Lehrer auf der Fahrt berichtet hatte. Dafür schien ihr die Burg allerdings noch in einem unfassbar guten Zustand zu sein.

Die Banner flatterten ungestüm im Wind, als wollten sie sich jeden Augenblick von ihren Stangen losreißen und in die Weite entfliehen. Sie zeigten das Familienwappen derer, die einst die Burg erbaut hatten und in deren Besitz sie noch immer war.

Die obere Hälfte der Flagge leuchtete in einem dunklen Blau, die untere war grün. Mittig waren ein Schwert und ein Speer abgebildet, die sich kreuzten, die Klingen der Waffen gen Himmel gerichtet.

Layen kam das Wappen bekannt vor. Vermutlich war es im Geschichtsbuch abgedruckt gewesen oder ihr Lehrer hatte ihnen einmal ein Bild davon gezeigt.

„… bitte Ruhe!“, drangen Mr. Rendons Worte an ihr Ohr. „Wie bereits im Vorfeld besprochen, erwarte ich, dass ihr euch zu benehmen wisst. Wir sind Gäste in diesem altehrwürdigen Gemäuer und benehmen uns dementsprechend. Das heißt auch, dass wir alles so hinterlassen, wie wir es vorfinden dürfen!“

Offenbar machte sich Mr. Rendon Sorgen, dass sie die Burg in Schutt und Asche legen könnten. Layen war sich allerdings sicher, dass ihre Klasse nicht imstande sein würde, dem Steinriesen auch nur einen Kratzer beizubringen, wenn schon die letzten Jahrhunderte es nicht vermocht hatten. Obwohl ihre Mitschüler ein chaotischer Haufen war, der schon so manchen Lehrer zur Verzweiflung gebracht hatte.

Vor zwei Jahren mussten sie von ihren Eltern frühzeitig aus dem Schullandheim abgeholt werden, da die Besitzer es nicht länger mit ihnen aushielten. Einige der Jungen hatten das Badezimmer in die Luft gejagt und das war nur der Gipfel allen Ärgers gewesen.

„Es freut mich, euch auf Burg Samildánach begrüßen zu dürfen.“

Überrascht fuhr Layen zur Burg herum, als eine raue Stimme hinter ihr erklang. Vor dem Eingangsportal stand ein hochgewachsener Mann, der bereits um die siebzig sein musste, sich jedoch bisher nicht dem Alter zu beugen schien. Graues Haar umrahmte seinen Kopf, er trug ein weißes Hemd und eine braune Hose. Seine auffallend blauen Augen zogen Layen sofort in ihren Bann.

Mr. Rendon eilte an ihr vorüber und schüttelte die Hand des Mannes.

„Sie sind Mr. Rendon?“

Ihr Lehrer nickte begeistert mit dem Kopf. „Richtig. Sie sind Éremón Tormod? Wir hatten telefoniert! Sehr erfreut!“

Der alte Herr nickte.

„Ich nehme an, Ihre Schüler wollen erst einmal ihr Gepäck auf die Zimmer bringen? Es ist alles vorbereitet! Wenn Sie mir bitte folgen würden!“

Der Blick des Alten wanderte einmal über die Schülerschar, dann blieb er kurz an Layen hängen. Für einen winzigen Moment glaubte sie, etwas in den Tiefen seiner blauen Augen zu erkennen, ehe er sich abwandte. Erleichtert atmete sie auf. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, ging er mit kräftigen Schritten auf das Holztor zu.

Während der Rest ihrer Klasse Mr. Rendon hinein folgte, begab sie sich ans Ende der Gruppe. Allerdings nicht nur, um dem alten Mann so fern wie möglich zu sein, sondern auch, damit sie noch einmal einen ungestörten Blick auf das Gelände zu haben.

Sie konnte es gar nicht richtig fassen, dass sie hier tatsächlich eine ganze Woche verbringen würden. Fernab der nächsten Stadt würde ihnen Geschichte näher gebracht werden und die Weiten der irischen Landschaft luden zu Wanderungen ein, die ihnen Mr. Rendon bereits prophezeit hatte.

Wobei er mit dem Vorschlag größtenteils auf Unmut gestoßen war. Als wäre es nicht genug, dass sie eine Woche lang kein Internet haben würden! Es gab auch keinerlei Locations, in denen man abends fortgehen konnte. Selbst Fernseher waren hier nicht vorhanden. Was bei den Schülern für Empörung sorgte, fand bei den Eltern sofortigen Anklang.

Entgegen den Auffassungen der anderen, war Layen schlichtweg begeistert. Nicht nur, dass Burgen sie seit jeher fasziniert hatten. Sie liebte die Ruhe und Natur. Eine willkommene Abwechslung zu den üblichen Schulausflügen.

Mr. Rendons Vorschlag war, nach dem Vorfall mit dem gesprengten Klo vor zwei Jahren, auch beim Schulleiter gut angekommen.

Der eigentliche Grund, weshalb ihre Mitschüler sich nicht alle krank gemeldet hatten, um der Woche auf der Burg zu entgehen, war die Tatsache gewesen, dass Mr. Rendon ihnen allen eine Eins für das Geschichtsfach versprochen hatte. Etwas, worauf niemand verzichten wollte. Im Gegenzug konnte er beim Schulleiter punkten, indem er es schaffte, seine Klasse für einen historischen Ausflug zu gewinnen.

„Trödle nicht so herum, Layen!“, riss die Stimme von Mrs. Sanderson sie aus ihren Gedanken.

Ungeduldig winkte die Lehrerin ihr zu. Der Rest der Klasse war bereits im Innern der Burg verschwunden.

Hastig folgte Layen ihnen hinein.

„Hier wären wir im 2. Obergeschoss.“

Laut hallte Mr. Tormods Stimme durch das alte Gemäuer, während er sie hindurchführte.

Die Wände waren aus grauem Stein, teilweise zierten alte Gemälde die freien Flächen, darauf abgebildet Szenarien längst vergangener Epochen.

An einigen Stellen waren Rüstungen aufgestellt, die die Eingänge zu wichtigen Räumen säumten, oder den Treppenaufgang flankierten. Ihr eiserner Blick war starr nach vorne gerichtet.

Über dem Durchgang zum Speisesaal hingen zwei Schwerter, die Klingen gekreuzt. Anstatt den Raum jedoch zu betreten, führte Mr. Tormod sie weiter den Gang entlang und erklärte, was hinter den einzelnen Türen lag.

Layen hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie das Gemäuer einstmals gewirkt haben mochte. Wie hatte hier wohl das Leben vor vielen hundert Jahren ausgesehen?

Sie erreichten den Tanzsaal, von dessen Decke mehrere Lüster aus dunklem Kirschholz hingen und den Raum in helles Licht tauchten. Säulen aus hellem Marmor stützten die bogenförmige Decke und auch die Wände bestanden aus dem hellen Stein. Die Zimmerdecke war mit Stuck verziert, Ranken, die mit Gold bemalt waren. Hohe Bogenfenster ließen zusätzliches Licht herein. An der Innenseite des Raumes waren deckenhohe Spiegel angebracht, durch die der Tanzsaal noch tiefer und weitläufiger erschien.

Layen richtete ihren Blick auf einen der Spiegel. Doch anstelle ihres eigenen Spiegelbilds erblickte sie Menschen in prächtigen Gewändern, eine Festgesellschaft, die den Raum füllte. Auf der rechten Seite standen Musiker, die soeben ein neues Lied anstimmten. Sogleich fanden sich Paare zusammen, die die Tanzfläche betraten.

Sie glaubte, sogar die Musik spielen zu hören, ausgelassenes Lachen. Ihr Blick wanderte weiter. Mit einem Mal zog ein Glitzern ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Im ersten Moment wusste sie nicht, was es war, dann jedoch erkannte sie das Funkeln eines prächtigen Halsschmucks. Er gehörte einer Dame, die sich langsam durch die Menge auf sie zubewegte. Dabei schien sie mehr zu schweben als zu laufen. Ihr Gang zeugte von Anmut, den Kopf hielt sie hoch erhoben. Alles an ihr strahlte Erhabenheit aus, ohne zugleich überheblich zu wirken.

Neugierig trat Layen näher auf den Spiegel zu, ihr Blick unverwandt auf die Frau gerichtet. Das anmutige Gesicht von goldblondem Haar umrahmt, das ihr bis über die Schultern herabfiel, schätzte sie die Frau kaum älter denn zwanzig. Golden schimmernde Augen richteten sich auf sie. Wie erstarrt blieb Layen stehen.

Plötzlich begann die Schönheit die Lippen zu bewegen, sprach stumme Worte, die ihre Ohren nicht erreichten.

Stirnrunzelnd trat Layen noch ein wenig näher, bis nur noch zwei Schritte zwischen ihr und der spiegelnden Oberfläche lagen, in der Hoffnung, das Gesprochene doch noch zu vernehmen.

„Erinner dich!“

In dem Moment, da sie die Worte vernahm, verdunkelte sich der Raum mit einem Mal. Schatten legten sich über den goldenen Glanz ihrer Augen und wichen einem tiefen Rot, das Layen bedrohlich entgegenstarrte.

Das Gesicht nicht länger von zarter Schönheit, wurde nun von einer wütenden Fratze entstellt. Ehe Layen reagieren konnte, stürzte sich die Frau auf sie.

Erschrocken taumelte Layen zurück. In dem Moment, da die Frau nahezu die Spiegeloberfläche berührte, krachte sie mit etwas in ihrem Rücken zusammen und fiel mit einem lauten Aufschrei stürzte sie zu Boden.

„Geht’s noch?“

Maulend kämpfte sich Steven zurück auf die Füße. Layen war sich der Blicke ihrer Mitschüler bewusst, die allesamt zu ihr hinunter blickten. Mrs. Sanderson schien wenig erfreut über die Unterbrechung, die Arme hatte sie vor der Brust verschränkt. Selbst Mr. Tormod starrte sie an, einen eigentümlichen Ausdruck auf dem Gesicht. Totenstille erfüllte den Saal.

„’Tschuldigung! Da war ’ne Spinne“, murmelte Layen und sprang zurück auf die Füße.

Während allmählich wieder Leben in die Klasse kam und Mr. Tormod seine Führung fortsetzte, warf Layen einen neuerlichen Blick auf den Spiegel.

Da war nichts zu sehen, außer ihren Mitschülern. Ein Haufen schnatternder Schüler, in doppelter Ausführung. Eine einzelne Schülerin starrte ihr mit blassem Gesicht und großen, braunen Augen entgegen, das blonde Haar leicht zerzaust. Layen schüttelte den Kopf und ihr Spiegelbild tat es ihr gleich.

Was war das gerade gewesen? Klar, die Fantasie war mal wieder mit ihr durchgegangen. Aber diese Frau …

Der Blick war ihr so echt vorgekommen, dieser goldene Glanz, der sie in den Bann zog. Selten war ihr ein Hirngespinst derart real erschienen.

Sie schob den Gedanken beiseite. Die Busreise zur Burg hatte lang gedauert. Es war kein Wunder, dass sie müde war. Ihre Augen mussten ihr einen Streich gespielt haben. Ja, das klang nach einer plausiblen Erklärung.

Ohne einen weiteren Blick zum Spiegel zu werfen, folgte sie ihrer Klasse.

Das Grün des Waldes füllte ihr Gesichtsfeld aus, zu allen Seiten ragten Baumriesen auf, die ihre Äste schützend über sie ausbreiteten. Büsche und Gestrüpp wucherten entlang des Weges, der sich schmal zwischen dem Geäst hindurchwand. Vereinzelt lagen kleine und größere Zweige auf dem Trampelpfad und Wurzelwerk, das sich unter der Erde hervorwölbte, drohten zu Stolperfallen zu werden. Moos bedeckte die gewaltigen Stämme der Eichen und Kastanien.

Ein leises Knacken im Gehölz zu ihrer Rechten ließ Layen aufblicken. Ein Eichhörnchen huschte vorbei, hielt kurz inne, als es das Mädchen bemerkte und verschwand dann zwischen den nächsten Bäumen.

In der Ferne konnte Layen die Unterhaltungen ihrer Mitschüler vernehmen, die durch das Unterholz trampelten wie eine Horde Nashörner. Rücksichtslos und blind für die Schönheit des Forstes.

Der Wald lag etwa zwanzig Gehminuten von der Burg entfernt und dehnte sich in einem Umkreis von mehreren Meilen über die grünen Hügel aus. Die mächtigen Baumstämme ließen auf ein Alter von vielen Jahrhunderten schließen.

„Nicht so schnell, Layen!“

Emmas weinerliche Stimme erklang hinter ihr und ließ sie genervt innehalten.

Der Lehrer hatte sie immer in Zweiergruppen zusammengesteckt und in den Wald geschickt. Er hatte eine Art Rätsel für sie ausgetüftelt. Die Gruppe, die es als erstes lösen würde, gewann irgendeinen Preis. Layen vermutete, dass er damit auch ihrer aller Teamgeist stärken wollte und hoffte, sie so zu beschäftigen.

Ob er nun Emma oder Layen mit ihrer Einteilung bestrafen wollte, wusste sie nicht zu sagen. In jedem Fall hätten sie kaum unterschiedlicher sein können. Emma, die Klassenzicke, die Schönheit unter den Mädchen, mit ihren lilafarbenen Fingernägeln und dem Designertrenchcoat. Auf der anderen Seite Layen, die Außenseiterin, die sich nichts aus teurer Kleidung machte und eher wie ein Junge herumrannte, die blonden Haare zu einem schlampigen Knoten nach oben gebunden. Sie mochten einander nicht und ihr Lehrer wusste das ganz genau.

„Hättest du mal lieber ordentliche Schuhe angezogen, Emma. Was willst du mit diesen … Stiefelchen hier?“

Emmas Gesicht nahm einen überheblichen Ausdruck an, als sie endlich zu ihr aufschloss, ihr Blick wanderte vielsagend über Layens ausgebeulte Jeans. Dann stöckelte sie an ihr vorüber, wobei sie fast über eine der Wurzeln gestolpert wäre, die gefährlich hoch aus dem Boden aufragte.

Layen atmete bemüht tief durch, schluckte die bissigen Worte, die ihr bereits auf der Zunge lagen, herunter und folgte Emma den Weg entlang.

Irgendwo hatte Mr. Rendon Zeichen auf die Bäume gemalt, um sie auf den richtigen Weg zu führen, aber davon war ihr noch kein einziges aufgefallen. Es war ihr auch nicht sonderlich wichtig. Für sie war es einfach befreiend, dem Geschnatter der Klasse zu entkommen, trotz Emmas Gesellschaft, die sie dafür ertragen musste.

Ein leises Kichern ließ sie plötzlich aufhorchen. Überrascht hielt sie inne, als zu ihrer Linken erneut das Geräusch erklang. Während sie in das Dickicht starrte, das sich seitlich des Weges ausbreitete, glaubte sie, etwas zwischen den Bäumen hindurchhuschen zu sehen.

Layen wollte schon etwas sagen, doch als sie bemerkte, dass Emma ohne innezuhalten weiterstapfte, verkniff sie es sich. Das Mädchen würde schon fünf Minuten ohne sie zurechtkommen.

Schulterzuckend schob sie die tiefhängenden Äste beiseite und lief in die Richtung, aus der sie die Bewegung ausgemacht hatte.

Nach einigen Schritten hielt sie inne, dann sah sie es wieder – ein paar Meter von ihr entfernt huschte etwas vorbei, begleitet von einem leisen Kichern.

Wollte eine ihrer Mitschülerinnen ihr einen Streich spielen? Wer könnte daran Interesse haben? Sie zog eine Grimasse, als sie sich im nächsten Augenblick selbst die Antwort gab. Die Frage war wohl eher, wer könnte kein Vergnügen daran haben, sie hereinzulegen?

Aber Layen würde sich nicht darauf einlassen. Mit einem Kopfschütteln wandte sie sich um und lief die wenigen Meter zum Weg zurück.

Zumindest hatte sie das vorgehabt, denn mit einem Mal war von dem Pfad nichts mehr zu sehen. Verwirrt blickte sich Layen um, ihre Augen glitten suchend über die Umgebung, doch weit und breit waren nur Bäume und Sträucher erkennbar, die sich eng aneinanderschmiegten.

Ein grünes Ungetüm, in dessen Rachen sie sich begeben hatte und das sie nun nicht mehr entlassen wollte.

Wieder erklang ein Kichern, nun hinter ihr. Layen fuhr herum. Diesmal war sie sich sicher, eines der Mädchen gesehen zu haben. Langes Haar wallte zwischen zwei Bäumen hindurch.

Layen seufzte. Vielleicht schaffte sie es ja, die Betreffende einzuholen. Ganz gleich, was diejenige geplant hatte, Layen würde sich von ihr nicht hinters Licht führen lassen.

Sie lief los, beschleunigte ihren Schritt und folgte den Geräuschen, die vor ihr im Geäst ertönten. Immer wieder drang ein Kichern an ihr Ohr, mal lauter, mal leiser.

Als sich plötzlich vor ihr eine Lichtung auftat, hielt sie überrascht inne. Ein See breitete sich zwischen den Bäumen aus, die Wasseroberfläche lag ruhig da, einem Spiegel gleich.

Layen wandte den Kopf, spähte durch die Bäume in ihrem Rücken, doch von dem Mädchen war weit und breit nichts mehr zu sehen. Jedes Geräusch war verstummt. Einzig das leise Rauschen der Blätter in den Wipfeln über ihr, durch die ein leichter Windhauch strich, drang an ihr Ohr.

Seufzend wandte sich Layen wieder nach vorne – da sah sie mit einem Mal am anderen Seeufer ein Mädchen stehen. Zu weit entfernt, als dass sie ihr Gesicht erkennen konnte, trat Layen zwei Schritte vor, bis sie das Ufer erreichte.

Verwirrt stellte sie fest, dass das Mädchen ihr gegenüber ein Kleid trug, das in einem leichten Spiel des Windes ihre Beine umwehte. Regungslos stand sie da.

Layen konnte sich nicht daran erinnern, dass eine ihrer Mitschülerinnen am Morgen ein Kleid getragen hatte. Noch dazu eines, das bis weit über die Knie reichte. Wie leicht konnte sich der Saum in einem der dornigen Gestrüppe oder an Ästen verheddern.

Das Mädchen streckte mit einem Mal den rechten Arm nach vorne, dann deutete sie auf den See hinunter. Verständnislos runzelte Layen die Stirn. Was sollte das nun wieder bedeuten?

Abermals wies das Mädchen auf die Wasseroberfläche hinab, ging nun sogar selbst in die Hocke. Die Hände auf das Erdreich gepresst, blickte sie aufs Wasser hinab, ihr Gesicht nur einen halben Meter von der Oberfläche entfernt.

Nicht sicher, ob es ein Trick sein sollte, um sie ins Wasser zu werfen, blickte Layen erneut über ihre Schulter. Weit und breit war niemand hinter ihr erkennbar, einzig die Baumriesen, die sich schützend in ihrem Rücken erhoben.

Layen schob ihre Bedenken beiseite und kniete sich auf das feuchte Erdreich. Mit einem letzten Blick zu dem Mädchen hinüber, das ihr aufmunternd zunickte, beugte sie sich über das Wasser.

Ein braunes Augenpaar starrte Layen entgegen – ihr eigenes Spiegelbild.

Dann veränderte sich schlagartig die Fläche. Ein Mann erschien im Wasser vor ihr, mit ernstem Blick starrte er ihr entgegen. Altertümlich gekleidet, in ein blaues, seidenes Hemd mit einem schwarzen Wams darüber, hatte er die Arme vor der Brust verschränkt. Das Gesicht war von jugendlicher Schönheit, glattrasiert, vielleicht Mitte zwanzig. Blondes Haar fiel ihm in Wellen bis zu den Schultern hinab, das Kinn war kantig und verlieh seinem Antlitz einen markanten Ausdruck. Weit mehr überraschte sie jedoch der goldene Glanz seiner Augen, der sie in seinen Bann zog. Die Lippen des Fremden bewegten sich, als wolle er ihr etwas Wichtiges sagen.

Ein plötzlicher Windstoß trieb größere Wellen über das Wasser auf sie zu und durchbrach das Bild des Mannes. Erschrocken fuhr sie zurück, als ihr bewusst wurde, wie weit sie sich hinabgebeugt hatte. Fast schon berührte ihre Nasenspitze die Oberfläche. Ein Frösteln überlief sie.

Ihr Blick flog zum Himmel hinauf, den mittlerweile dunkle Wolken verhüllten und die nahezu alles Licht verschluckten. Wie lange war sie hier gewesen? Es schien, als sei mehr Zeit verstrichen, als es möglich sein konnte.

Ihr Blick wanderte zur anderen Uferseite hinüber, von dem Mädchen war keine Spur mehr zu sehen. Stirnrunzelnd wandte sie den Kopf.

Da sah sie das Mädchen plötzlich. Nur wenige Schritte von ihr entfernt, stand sie am Ufer, den Blick unverwandt auf Layen gerichtet.

Das Herz drohte ihr stehen zu bleiben, als sie das Gesicht erkannte. Sie hatte das Mädchen, das nun doch deutlich älter wirkte, schon einmal gesehen. Gestern, im Spiegel, als sie die Führung durch den Tanzsaal gemacht hatten.

Die Frau mit den goldenen Augen kam langsam auf sie zu, der Wind spielte mit ihrem blonden Haar.

„Erinner dich!“

Der Ruf ließ Layen erschrocken nach Luft schnappen. Bevor sie reagieren konnte, stürzte sich die Frau auf sie, das Gold ihrer Augen mit einem Mal blutrot getränkt.

Layen stolperte rückwärts und fing sich im letzten Moment mit den Händen ab. Die Frau war schon fast über ihr, da rollte sich Layen hastig zur Seite, fort vom See. Mit wild klopfendem Herzen sprang sie auf die Füße und begann zu rennen.

Ohne einen Blick zurückzuwerfen, ob ihr die Frau auch tatsächlich folgte, brach sie durch das Astwerk, das sich ihr nun entgegenstellte, als wolle es sie daran hindern, der Lichtung zu entkommen. Äste streiften ihre Arme, ihr Gesicht, rissen die Haut auf und hinterließen brennende Striemen.

Panik durchströmte ihren ganzen Körper, ließ ihre Wangen vor Hitze erglühen. Die Angst, die sie jedes Mal bei dem Gedanken an die Frau überkam, schnürte ihr fast die Kehle zu und trieb sie gleichzeitig immer weiter in ihrer Flucht an.

Mit dem rechten Fuß verfing sie sich in einer Wurzel und schwer atmend stürzte sie zu Boden. Ihre Handflächen rissen bei dem Versuch auf, sich abzufangen. Hastig stemmte sie sich zurück auf die Füße. Ignorierte den Schmerz, der ihren ganzen Körper erfüllte.

Immer weiter und weiter rannte sie, ehe sie schließlich doch einen Blick zurück wagte.

Hinter ihr waren nichts als dunkle Schatten zwischen den Baumstämmen auszumachen. Dämmerlicht erfüllte den Wald um sie herum, über ihr der Himmel, von einem bedrohlichen Schwarz erfüllt.

Zitternd machte Layen einen weiteren Schritt zurück, als sie plötzlich gegen etwas prallte. Etwas Weiches, das bei ihrer Berührung nachgab.

Mit einem spitzen Aufschrei fuhr sie herum, die Arme schützend nach oben gerissen.

Blaue Augen trafen ihren Blick. Mit klopfendem Herzen starrte sie Mr. Tormod an, der um einen guten Kopf größer vor ihr aufragte.

Erschrocken wich sie abermals einen Schritt zurück, diesmal von ihm fort. Im nächsten Moment schalt sie sich selbst eine Närrin. Es war nur Mr. Tormod, ein alter Mann.

 „Deine Lehrer machen sich große Sorgen. Du hättest den Weg nicht verlassen sollen, Mädchen!“

Seine raue Stimme hallte laut durch den Wald. Layen schluckte, nickte langsam.

„Wie haben Sie mich gefunden?“

„Du hast deutliche Spuren auf dem Waldboden hinterlassen. Nun komm. Die anderen warten bereits.“

Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und schob sie vorwärts, wobei Layen sich zusammenreißen musste, nicht unter seiner Berührung zusammenzuzucken.

Nach wenigen Metern schon erreichten sie einen Weg. Layen fragte sich unwillkürlich, wie es möglich war, dass er ihr zuvor nicht aufgefallen war.

Sie zwang den Gedanken beiseite.

„Mr. Tormod, was ist das für ein See auf der Lichtung? Von ihm hat uns Mr. Rendon überhaupt nichts erzählt“, versuchte sie, die Stille zu durchbrechen.

Fragend blickte sie den alten Mann an. Sie glaubte, einen Schatten über sein Gesicht huschen zu sehen.

„Der See? Woher … vergiss ihn besser schnell wieder!“

Ein unergründlicher Ausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit und schweigend liefen sie nebeneinander weiter. Bevor sie sich stoppen konnte, fand die nächste Frage einen Weg über ihre Lippen.

„Was genau bedeutet eigentlich das Wappen?“

Sie schien ihn mitten aus irgendeinem Gedanken gerissen zu haben, denn verwirrt starrte er sie an.

„Was meinst du?“

Layen runzelte die Stirn. „Das Wappen, das auf den Flaggen abgebildet ist, die über den Zinnen der Burg flattern!“

Abrupt hielt Mr. Tormod inne. Ehe sie sich versah, hatte sich seine Hand erneut auf ihre Schulter gelegt. Schraubstockgleich klammerten sich seine Finger darum.

„Wenn du dir einen Spaß erlauben willst …“, er hielt inne, schien über etwas nachzudenken. „Aber woher sollte sie …“ Den Blick in die Ferne gerichtet, schien er sie ganz zu vergessen. Dann richtete sich das Blau seiner Augen wieder auf sie. „Es werden seit knapp einhundert Jahren keine Flaggen mehr gehisst!“

Ungläubig starrte Layen ihn an. Wer wollte sich nun mit wem einen Scherz erlauben? Sie hatte die Flaggen doch gesehen!

Ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, ergriff er erneut das Wort, seine Stimme nahm einen barschen Tonfall an.

„Du hast den See angesprochen! Woher weißt du davon?“

„Ich bin auf ihn gestoßen, als ich mich verlaufen habe!“, erwiderte sie, nicht sicher, worauf er überhaupt hinauswollte.

Das Gesicht ihres Gegenübers nahm einen bedrohlichen Ausdruck an und der Griff um ihre Schulter verstärkte sich, wurde schmerzhaft.

Unwillkürlich fragte sie sich, ob er nicht womöglich etwas verwirrt war. Vielleicht war es keine gute Idee, mit dem alten Mann allein im Wald unterwegs zu sein.

„Du hättest nicht herkommen …“

Ehe er seinen Satz vollenden konnte, erklangen plötzlich schnelle Schritte hinter ihnen.

„Da bist du ja, Layen!“, erklang Mr. Rendons erleichterte Stimme. „Du meine Güte, wir haben uns solche Sorgen gemacht. Emma meinte, du seist einfach verschwunden!“

Als er neben ihnen zum Stehen kam, ließ Mr. Tormod schlagartig seine Hand sinken. Layen war überrascht, welche Kraft der alte Mann besaß. Erleichtert wandte sie sich ihrem Lehrer zu.

„Tut mir furchtbar leid. Ich habe mich verlaufen!“

„Schon gut! Vielen Dank für Ihre Hilfe, Mr. Tormod!“

Der Lehrer legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter, weitaus sanfter, als der alte Burgherr es zuvor getan hatte und führte sie den Weg zurück. Mit einem Blick über die Schulter zu Mr. Tormod, glaubte sie, einen grimmigen Ausdruck auf dem alten Gesicht wahrzunehmen, ein rotes Leuchten in seinen sonst so blauen Augen. Ein Frösteln überkam sie.

Als sie den Wald endlich hinter sich gelassen hatten, machte sich Erleichterung in ihr breit.

Mitten in der Nacht riss sie ein Geräusch aus dem Schlaf. Im ersten Moment nicht sicher, was sie überhaupt geweckt hatte, warf sie einen Blick auf ihr Handy, das neben dem Bett lag. Es war der 1. Mai, 1 Uhr nachts.

Seufzend legte sie das Handy zurück und drehte sich auf die andere Seite, in der Hoffnung, erneut in den Schlaf zu finden. Sie döste gerade wieder ein, als ein neuerliches Geräusch sie den Atem anhalten ließ.

Es klang fast, als würde jemand singen. Langsam drehte Layen sich in Richtung Tür, darum bemüht, etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Ihre Finger tasteten nach dem Handy, konnten es jedoch nicht mehr finden.

Stirnrunzelnd setzte sie sich auf, lauschte. Doch!

Leiser Gesang drang an ihr Ohr. Worte aus einer Sprache, die sie nicht kannte. Eine Melodie, die sie nicht zuordnen konnte und die ihr gleichsam vertraut erschien.

Verwundert, dass der Rest der Mädchen nicht auch davon wach wurde, saß sie da, nicht sicher, ob sie es wagen sollte, das Bett zu verlassen.

Obwohl alles in ihr danach schrie, den Gesang einfach zu ignorieren, erhob sie sich. Ihre nackten Füße berührten den kühlen Holzboden, doch sie merkte es kaum. Lautlos lief sie über die Dielen hinweg, fand problemlos im Dunkeln den Weg zur Tür und drückte sachte die Klinke hinunter. Ohne das geringste Geräusch zu verursachen, schwang sie nach innen auf.

Layen schob sich durch den Spalt hindurch und trat auf den Flur hinaus. Sie folgte dem Gesang, der sie immer weiter durch die Burg hindurchführte. Als sie die Treppe erreichte, die in den zweiten Stock hinaufführte, beschlich sie ein beklemmendes Gefühl. Gleichzeitig war ihre Neugierde so groß, dass sie nicht anders konnte, als die Stufen hinaufzusteigen. Im zweiten Geschoss angelangt, bog sie nach links und nahm die nächste Treppe in den dritten Stock hinauf. Als sie den obersten Absatz erreicht hatte, wandte sie sich nach rechts. Ein schmaler, dunkler Gang breitete sich vor ihr aus, dem nach einigen Metern eine weitere Treppe folgte. Die letzten Stufen lagen im Dunkel, nur schemenhaft zeichneten sich die Umrisse einer Tür ab.

Unsicher, ob sie ihrem Gefühl folgen und hinaufsteigen sollte, stand sie da, während der Gesang zu ihr herunterschwebte. Einer Feder gleich, die sie spielend umkreiste, nur von einem Windhauch getragen.

Trotz ihrer Bedenken setzte sie schließlich einen Fuß vor den anderen, stieg Stufe um Stufe hinauf, bis die Schatten sie verschlangen, den Blick unvermindert auf die Tür gerichtet.

Mit einem Mal musste sie wieder an die Frau aus dem Spiegel denken, der sie auch im Wald begegnet war. Aber sicherlich hatte ihr die Fantasie nur einen Streich gespielt. Es war nicht das erste Mal, dass sie Dinge sah, die nicht existierten. Sie war schon immer eine Tagträumerin gewesen.

Layen schob ihre Bedenken beiseite, angelockt von dem betörenden Gesang. Erst, als ihre Hand auf der Klinke lag, bereit, die Tür aufzustoßen, schlich sich ein letzter Gedanke ein.

Deutlich war sie sich noch des Anblicks der Burg bewusst, als sie am ersten Tag ankamen. Vor ihrem geistigen Auge konnte sie die vier Fensterreihen übereinander sehen. Drei Stockwerke, plus das Erdgeschoss. Es war gar nicht möglich, dass diese Treppe und damit auch diese Tür existierten!

Sie ließ ihre Hand sinken und machte einen verunsicherten Schritt zurück. Was hatte das zu bedeuten?

Ein wütendes Brüllen erklang hinter ihr. Mit weit aufgerissenen Augen fuhr Layen herum.

Da stand er, am unteren Treppenabsatz: Mr. Tormod! Seine Augen nicht länger blau, sondern von einem durchdringenden Rot, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ungewöhnlich schnell für sein Alter kam er die Stufen heraufgestürmt.

Als sie zurückwich, stieß sie mit dem Rücken gegen das Holz der Tür. Angst lähmte ihre Glieder, als sich die Distanz zwischen ihnen von Sekunde zu Sekunde verringerte.

Mit den Fingern tastete Layen nach der Klinke, fand sie und drückte sie herunter.

„Verfluchte Túatha Dé Danann! Halt dich von der Tür fern!“

Der wütende Ausruf ließ sie nach hinten taumeln. Die Tür in ihrem Rücken schwang auf. Layen wandte sich um und rannte los.

Doch schon nach wenigen Metern blieb sie wie angewurzelt stehen.

Anstatt auf einem dunklen Dachboden zu stehen, breiteten sich vor ihr Wiesen aus, saftige Hügel zogen sich dahin. Was sie jedoch mehr erschreckte, war die Armee, die sich vor ihr ausdehnte. Tausende Männer, bewaffnet mit Schwertern und Schilden. Banner flatterten im Wind, blau und grün, darauf ein Schwert und Speer, die ihre Klingen kreuzten.

An vorderster Front, nur wenige Meter von ihr entfernt, stand ein Mann, bekleidet mit einer Rüstung, die gänzlich aus Gold bestand, in der rechten Hand einen langen, goldenen Speer. Sein Gesicht war es jedoch, das ihre Aufmerksamkeit am meisten erregte, denn sie kannte ihn bereits – er war es, den sie im See gesehen hatte.

Als sich seine goldenen Augen auf sie richteten, breitete sich ein Lächeln auf seinen Lippen aus.

„Du bist zurückgekehrt meine Tochter! Ich wusste, du würdest das Tor finden und es für uns öffnen!“

Verwirrt starre Layen den Mann an. Verunsichert, ob er tatsächlich mit ihr sprach, warf sie einen Blick über ihre Schulter.

Mr. Tormod war einige Schritte von ihr entfernt stehen geblieben, sein Gesicht eine einzige Maske aus Hass. Sein Äußeres hatte sich mit einem Mal verändert. Blaue Augen erstrahlten aus einem jugendlich anmutenden Gesicht, umrahmt von braunem Haar.

„Lugh Mac Ethnenn!“, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

Der Mann, der sich als ihr Vater bezeichnet hatte, trat einen Schritt vor. „Éremón, Sohn des Míl Espáne! Ihr habt viel zu lange unsere Ländereien besetzt und meine Männer geschlachtet. Nun werdet Ihr unseren Zorn zu spüren bekommen!“

Lugh hob seinen goldenen Speer gen Himmel. Sonnenlicht brach sich auf dem Stahl und für einen kurzen Moment erschien es Layen, als zuckten Blitze über die Speerspitze.

„Holen wir uns zurück, was rechtmäßig unser ist!“, rief er aus, seine Stimme hallte weit über die Ebene hinweg.

Wie zur Antwort setzte sich die Armee in Bewegung.

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